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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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Pfeiffer

Feuchtigkeit  ausgesetzt  waren  und  dann  auf  nassem  Wege  abgelöst
und  gewaltsam  vom  Leimüberzuge  befreit  wurden,  häufig  der  Fall
zu  sein  pflegt.  Die  Dinte  zeigt  die  bei  alter  Schrift  so  häufig  vorkommende ­
  gelbbraune  Farbe,  die  Ränder  der  Buchstaben  sind  unter  der
Loupe  betrachtet  —  und  dies  ist  ein  sehr  charakteristisches
Merkmal  und  ein  starker  Beweis  für  ihr  Alter  —  in  Folge  des  Druckes
mit  dem  Schreibrohr  etwas  erhöht  und  haben  ein  wulstiges  Aussehen.
Die  Schriftzüge  sind  weder  schön  noch  regelmässig  und  verrathen
eine  in  deutscher  Minuskel  wenig  geübte  Hand.  Dennoch  ist  bei
aller  Verschiedenheit  der  einzelnen  Buchstaben  unter  sieb  der
Charakter  der  Schrift  streng  bewahrt,  und  darin,  in  der  Freiheit  der
Züge  auf  der  einen,  im  Festhalten  des  Eigentümlichen  auf  der  andern
Seite  liegt  wiederum  ein  grosser  Beweis  für  die  Echtheit,  denn  ein
Fälscher  wird  stets  den  Zügen  einer  bestimmten  Handschrift  und  er
wird  ihnen  mit  sclavischer  Treue  und  Regelmässigkeit  folgen.
Neben  diesen  nicht  nur  durchaus  unverdächtigen,  sondern  das
Alter  der  Handschrift  bestätigenden  Erscheinungen  bietet  das  Blättchen ­
  allerdings  einige  andere  ungewöhnliche,  auffallende.  Dazu
gehört  das  z,  welches  hier  keine  der  üblichen  deutschen  Formen,
sondern  die  Gestalt  des  hebräischen  Sajin,  r,  s,  hat;  noch  überraschender ­
  ist  die  Anwendung  hebräischer  Vocalzeichen  ">  :»  •»  für  a,  e,  i.
Diese  letzteren,  im  Verein  mit  dreien  hebräischen  Glossen,  waren  es,
die  dem  Verdacht  gegen  die  Echheit  am  meisten  Nahrung  undAnhaltspuncte
  gegeben  haben.  Auch  J.  Grimm  nahm  daran  den  grössten
Anstoss  und  meinte  in  seinem  Briefe  an  Karajan:  „wären  nur  die  verfluchten ­
  hebräischen  Wörter  und  Punctierungen  nicht!“  Ich  gestehe
hierüber  ganz  entgegengesetzter  Ansicht  zu  sein.  Gewiss  ist  der  Gebrauch ­
  hebräischer  Vocalzeichen  in  einem  deutschen  Sprachdenkmal
etwas  Unerhörtes.  Aber  gerade  darin  erblicke  ich,  abgesehen  von
allem  andern,  einen  der  stärksten  Beweise  für  die  Echtheit,  und  ich
hoffe,  alle  Diejenigen  werden  mir  darin  beistimmen,  die  aus  dem  vermeintlichen ­
  Umstand,  dass  das  Lied  nichts  Neues  biete  und  nichts
enthalte,  was  nicht  schon  aus  Graff’s  Sprachschatz,  aus  Grimm’s  Grammatik ­
  undMythologie  bekannt  sei,  den  Hauptbeweis  für  die  Unecbtheit
geschöpft  haben.  Wie  sollte  ein  Betrüger  darauf  verfallen  sein?  Ein  Fälscher ­
  erfindet  in  der  Regel  nichts,  am  allerwenigsten  solche  rein
äusserliche,  technische  Dinge,  seine  ganze  Kunst  besteht  in  der  Nachahmung ­
  von  schon  Vorhandenem,  in  mehr  oder  minder  geschickter
            
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