Forschung und Kritik siuf dem Gebiete des deutschen Alterthums II. 0«5
Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften selbst hat es von
Anfang an nicht an der erforderlichen Vorsicht fehlen lassen, sondern
ist mit derjenigen Skepsis verfahren, wie sie einem so ungewöhnlichen,
überraschenden Funde gegenüber geboten war. Mit der Begutachtung
der Abhandlung Zappert's ward eine Commission von vier
Mitgliedern betraut, von Fachmännern, zu deren Lebensberuf das
Lesen alter Urkunden und Handschriften gehört <)• Diese unterzogen
das Pergamentblättchen der sorgfältigsten, bis in's einzelste
gehenden Prüfung. Das auf Grund derselben abgegebene Urtheil
lautete, dass kein Buchstabe, keine Stelle in dem Blättchen begegne
die sich nicht auch anderwärts belegen und in gleichzeitigen Handschriften
nachweisen lasse, und dass „sich durchaus kein Anhaltspunct
darin finde, auf welchen gestützt man einen gegründeten Zweifel
in die Echtheit des Denkmals setzen könnte“. Erst auf dieses Gutachten
hin wurde die Aufnahme des Schlummerliedes in die Sitzungsberichte
der phil.-hist. Classe beschlossen.
Auch ich, der zu jener Zeit der kaiserlichen Akademie noch nicht
anzugehören die Ehre hatte, habe den Streifen bald nach seinem
ersten Auftauchen in Händen gehabt und damals wie später noch
zu wiederholten Malen betrachtet und geprüft und nie etwas gefunden,
was mich im Glauben an die Echtheit auch nur einen Augenblick
wankend gemacht hätte. Die letzte Untersuchung nahm ich im Sommer
des vorigen Jahres im Vereine mit meinem Collegen Prof. Dr. Theodor
Sickel vor, weil mir die Meinung dieses erprobten ausgezeichneten
Paläographen zu hören von grossem Wertlie war. Wir unterzogen
die Handschrift, unter Anwendung der Loupe, Buchstab für
Buchstab der genauesten Prüfung und konnten nichts entdecken, was
einem Verdacht auch nur den geringsten Anlass darböte. In vollster
Übereinstimmung mit mir und den obengenannten Akademikern
spricht auch Sickel sich dahin aus, und hat mir öffentlichen Gebrauch
davon zu machen gestattet, dass die Schrift des Blättchens nach
seiner festen Überzeugung echt und alt und an eine Fälschung gar
nicht zu denken sei.
Das Äussere des Blättchens ist kraus und wollig, wie das bei
Pergamenten, welche lange Zeit aufgeklebt, dem Staube und der
*) Es sind die Herren Birk, Diemer, v. Karajan und v. Meiller.