Forschung und Kritik auf dem Gebiete des deutschen Alterthums II. 49
Handschrift, welche Stark mitnehmen wollte, musste ihm die Quittung
förmlich aufgedrungen werden, denn er meinte, das sei nicht nötliig, er
werde ja die Handschrift schon wieder zurückgeben, und wenn nicht,
sei das auch kein Schade. Kurze Zeit darauf ward das Kloster an
Haupt und Gliedern reformiert, der ungetreue Buchwart entfernt und
die Pforten der Bibliothek geschlossen, freilich zu spät, nachdem
das Werthvollste daraus bereits verschwunden war. Dazu gehörte
Zappert's Handschrift.
Es entsteht nun weiter die Frage, ob der Pergamentstreifen
mit dem Schlummerliede wirklich in der von ihm angegebenen Weise
mit der Handschrift verbunden war. Hiefür gibt es ein untrügliches
Kriterium. Wer jemals aufgeklebte Pergamentblätter von Bücherdeckeln
abgelöst hat, weiss, das die Ablösung nur selten geschehen
kann, ohne dass auf der Unterlage, bestehe diese aus Holz oder
wiederum aus Pergament, mehr oder minder deutliche Spuren der
Schrift Zurückbleiben. Dieses Kriterium wurde später angewendet
und hat Zappert’s Angaben vollkommen bestätigt. Ich lasse hier
Karajan reden, der sein Vorgehen folgendermassen beschreibt.
„Was Zappert gar nicht wusste, oder richtiger gesagt gar nicht
beachtete, fand ich bei genauerer Untersuchung der Handschrift. Der
Streifen nämlich, auf welchem sich das Schlummerlied befindet, hatte
als Unterlage auf dem Rücken des Codex drei andere eben so hohe,
aber nur halb so breite Pergamentstreifen, die bis auf einen schon
ursprünglich beschrieben waren und einst verschiedenen Handschriften
angehört hatten. Als nun die Handschrift sammt dem Papiercodex
in das Eigenthum der Hofbibliothek übergegangen und in meine
Hände zur Beschreibung gelangt war, schien es mir der Mühe werth,
nicht nur die an dieser Stelle des Rückens übereinander geleimten Pergamentstreifen
zu untersuchen, sondern auch alle übrigen, denn auch
zwischen den andern Bünden des Rückens zeigten sich gleiche, ebenfalls
beschriebene Blättchen >), und es konnte ja leicht sein, dass auch
1 ) In dieser Weise sind überhaupt nicht selten die Vertiefungen zwischen den hohen
Bünden gebundener Bücher und Handschriften ausgefüllt. Eine Reihe solcher
Streifen, die ich auf einer St. Florianer Handschrift im Herbste 1858 fand und
mit Eriaubniss des damaligen Dechants, nun Prälaten Dr. J. Stüiz, lostrennte,
besitze ich selbst. Die Blättchen waren so fest aufeinander geleimt, dass sie wie
zusammen gewachsen und nur mit Mühe, durch Einlegen in warmes Wasser,
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