Pfeiffer
während die Merseburger Segen so manches Räthsel zu lösen gaben
Unter den aufgezählten Gottheiten ist keine, die nicht in der Mythologie
stände, seihst Triwa findet sich hei den Personificationen S. 84C :
vor Triuwe. Besonders fraglich ist mir auch sonst Ostara.“
Der Erste, der, mit anerkennenswerthem Freimuth, öffentlich
und eingehend gegen das Schlummerlied auftrat, war Prof. Wilhelm
Müller in Göttingen. In seiner Recension (s. Göttingische gelehrte
Anzeigenvom J. 1860, S. 201—211) sprach er, unter Darlegungseiner
Zweifel und Bedenken, „die feste Überzeugung aus, dass das althochdeutsche
Schlummerlied ein Machwerk der neuesten Zeit sei“.
Gerade ein Jahr später erschien von Herrn Dr. Jos. Virgil Grohmann
in Prag eine besondere Schrift (Über die Echtheit des althochdeutschen
Schlummerliedes. Prag 1861, 46 Seiten in 8°), worin der
Verfasser, ohne zu wissen, dass ihm schon Einer auf diesem Wege
vorangegangen war, nicht ohne Gelehrsamkeit und Scharfsinn das
Gedicht einer genauen Prüfung unterwarf und zu dem Ergebniss gelangte,
dass dasselbe entschieden eine Fälschung sei.
Dabei hatte die Sache ihr Bewenden: die Unechtheit des
Wiener Schlummerliedes schien so unwiderleglich bewiesen und so
sehr auf der Hand zu liegen, dass unter den Germanisten und in
- Büchern nirgends davon nur mehr die Rede ist, ja dass es fast den
Anschein hat, als ob man durch die blosse Nennung des Namens den
Leser zu beleidigen oder gar sich der Täuschung dadurch theilhaftig
zu machen fürchte. So felsenfest ist das allgemeine Urtheil und so
schwer lastet auf dem armen Lied Acht und Bann.
Dennoch gehricht es nicht gänzlich an Solchen, die trotz des
mit seltenem Einmuth gesprochenen Verdictes von der Echtheit nach
wie vor überzeugt sind. Dazu gehören aus den hiesigen Gelehrtenkreisen
alle Diejenigen, welche von Anfang an, durch Beruf oder
Neigung, Veranlassung hatten, dem Denkmal ihre Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Diesen hat von auswärtigen nur Einer sich beigesellt,
aber dieser Eine war Jacob Grimm, der, „mehr gestimmt, an Wahrheit
als an Trug zu glauben“, unbefangen an das Gedicht herantrat
und, ohne das mancherlei Auffallende darin zu übersehen, das Neue
was es bietet und dessen mehr ist als die Zweifler wissen, zu ergründen
bestrebt war. Seine gleich nach dem Erscheinen des
29. Bandes unserer Sitzungsberichte am 10. März 18S9 in der
Gesammtsitzung der Berliner Akademie gelesene kleine Abhandlung