Forschung und Kritik auf dein Gebiete des deutschen Alterthums II.
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IV. ÜBER DAS WIENER SCHLUMMERLIED.
Eine Rettung.
Wenn ich es unternehme, für die von vielen Seiten angefoclitene
Echtheit des in der Überschrift genannten Liedes in die Schranken
zu treten, so folge ich hiebei nicht allein einem innern Drange, das
nach meiner Überzeugung mit Unrecht Verdächtigte zu vertheidigen,
sondern ich erfülle eine Pflicht gegen die kaiserliche Akademie der
Wissenschaften, die durch Aufnahme des Denkmals in ihre Schriften
bei der Entscheidung über diese Frage mithetheiligt ist, und einen
Akt der Pietät gegen den Herausgeber, dem inzwischen der Tod den
Mund geschlossen hat.
Die ersten Zweifel an der Echtheit des Schlummerliedes drangen
bald nach dessen Veröffentlichung (zu Anfang des J. 1859) von
Berlin herüber, wo die frische Erinnerung an Simonides neuen Entdeckungen
gegenüber besondere Vorsicht empfehlen mochte, aber
sie waren so allgemein gehalten, dass sie einer Widerlegung keinen
Anhaltspunct darhoten. Auch seitdem sind sie von dort aus in keiner
irgend fassbaren Gestalt zum öffentlichen Ausdruck gelangt; denn
wenn Herr Wilhelm Mannhart in einer Anmerkung seines Buches
„Die Götterwelt der deutschen und nordischen Völker“ (Berlin 1860)
S. 7S sagt: „Das von Zappert neuerdings publicierte altdeutsche
Wiegenlied, welches Namen mehrerer Göttinnen enthält, trägt zu
sehr die unverkennbaren Spuren der Unechtheit an sich, als dass es
von uns in Betracht gezogen werden dürfte“, so sind das nur Worte,
nicht Gründe, die man angreifen und widerlegen könnte.
Aber auch andere, ja die meisten auswärtigen Fachgenossen
verhielten sich zum Zappert’schen Funde ungläubig und abwehrend.
So schrieb mir unter andern L. Uhland, dem ich das Lied brieflich
mitgetheilt hatte: „Darf der Entdecker sich der Echtheit dieses ahd.
Schlummerliedes nicht vollkommen versichert halten, so würde ihm
aus einer raschen Veröffentlichung leicht mancherlei Unlust erwachsen.
Es erregt mir nämlich Bedenken, dass dieses poetisch anziehende
Stück, mit geringen Ausnahmen, so genau mit Graff’s
Sprachschatz, Grimm’s Grammatik und Mythologie übereinstimmt,