Forschung- und Kritik auf dem Gebiete des deutschen Altcilhums II.
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Betrachtet man die beiden neben einander gestellten Aufzeichnungen,
so erkennt man auf den ersten Blick, dass der Text, den die
Tepler Handschrift (A) gewährt, nicht allein weit vollständiger, sondern
auch alterthümlicher ist als der der Münchner (B). Doch kann
A nicht wohl die Quelle von B sein, vielmehr sind beide Abschriften
einer altern, wahrscheinlich nicht einmal derselben Vorlage, denn
die Unterschiede beider sind zu gross, als dass nicht von der
Urschrift, aus der A vielleicht unmittelbar geflossen ist, zu B eine
Zwischenstufe angenommen werden müsste. Wie dem indess sein
mag, jedesfalls hat A neben den Ausdrücken die alten Laute und
Formen weit treuer und sorgfältiger bewahrt als B, wo sie zwar
ebenfalls, doch weit sparsamer erscheinen und meist jüngern Bildungen
gewichen sind.
Jene Laute und Formen der Tepler Handschrift sind merkwürdig
genug, um das Denkmal zu einem wichtigen zu machen, denn sie
tragen fast noch durchwegs das s. g. streng-althochdeutsche Gepräge,
wie wir es nur in den ältesten Quellen antreffen. Nehmen wir
zuerst die Vocale, so finden wir die alte tonlose Partikel ga- (ka
ca-) in A noch überall bewahrt, während sie in B mehrfach schon
zu gi-, ge- geschwächt ist. kadanccho (gadanclio B) 7, cadanc
(gadancha B) 37. kamst (kenis B) 20. 30, kanädä (ginädä B)
20. 31. 43. 31, Cgenddd B) 34. 02, kanädigo (ganädigo B) 47.
kauuerdo 28. 29. 32. 40. 47. 64, kauuizzida (keim. BJ 33. galaupon
36. ka- (ga-) nerien 41. 63, ganerienne (gen. B) 39, cahaltan
40. — Die Partikel far- lautet an beiden gemeinsamen Stellen 20
farkip, 30 farkepati übereinstimmend; dasselbe gilt von dem dreimaligen
miffa- 3. 4 und von za 37. 39. Ausserdem erscheint farnoch
zweimal in A 37 fargepan und 49 fartdnemo.
B gebraucht ausschliesslich die Form trohtin 1.19. 27. 38. 42.
46. 32. 36. 61. 63, A daneben an drei Stellen die vorzugsweise den
altern Quellen eigene truhtin 46. 36. 61. — Ein eigenthümlicher
Wechsel zeigt sich in dem zweimal vorkommenden Worte uueralt,
uuerolt, indem beide das eine Mal diese, das andere Mal jene Form
setzen: uueroltti A, uueralti B 23, uueralt A, uuerolt B 38. — Die
Conjunction 'oder’ lautet in B 3. 8. 9. 10. 11 durchaus oda, in A
alterthümlicher einmal edo, sonst immer osdo, eine Form, die bis
jetzt unhelegt ist (vgl. Graft"s Sprachschatz, 1, 147).