Forschung und Kritik auf dem Gebiete des deutschen Alterthums II. 19
„Maria stand auf eim sehr hohen berg,
sie sach ein swarm bienen kommen phliegen;
sie buh auf ihre gebenedeite hand,
sie verbot ihm da zuband,
versprach ihm alle bilen *)
und die beim 2 ) verlossen :
sie satzt ihm dar ein fas,
das zent s ) Joseph hat gemacht,
in das sollt er phulgen '*)
und sich seins lehens genügen.
In nomine patris, fllii et Spiritus sancti. Amen.“
Die mehrfache Übereinstimmung dieser Segenssprüche mit dem
althochdeutschen liegt zu Tage. Die Beschwörung in Nr. 2, sich
nicht in die Höhe zu erheben und nicht weit zu fliegen, stimmt genau
zum Deutschen, und ebenso ibi tc alloces mit sizi sizi, bind, sizi
uilu stillo ; ne fugiatis a filiis liominum in Nr. 1 entspricht überraschend
dem zi holce niflüc du (vgl. die Anmerkung S. 13). Man
vergleiche ferner die Stellen: vos faciatis opera domini in Nr. 1
und ibi in dei nomine laboretis in Nr. 2 mit uuirki godes uuillon.
In höchst erwünschter Weise endlich hilft Nr. 3 das Präteritum
inbot des althochdeutschen Textes erklären; denn dieses Präteritum
enthält deutlich eine Hinweisung auf einen ältern Spruch, in welchem
Maria gebietend oder verbietend, segnend und beschwörend, auftrat.
Gerade so erscheint sie in dem Siebenbürger Segen.
Ohne den dichterischen und sprachlichen Werth des Lorseher
Bienensegens zu überschätzen, darf er doch als ein willkommener Zuwachs
zu unserer mit Denkmälern lebendiger Poesie so spärlich
bedachten althochdeutschen Litteratur betrachtet werden. Wir lernen
daraus unsere Vorfahren von einer neuen Seite kennen: in ihrem
Verkehr mit der belebten Natur. Die naive Zartheit und Milde, womit
hier zu den Bienen geredet wird, kann, scheint mir, niemand entgehen.
*) = mild. Imelen , Höhlen.
2) = mhd. böume, Bäume.
3) =s zent, sanct.
4 ) = fliegen, wie in der zweiten Zeile phligcn.