Beiträge zu Aristoteles Poetik.
145
ganz untergeordneter Gesichtspunct, und Aristoteles ist weit entfernt
der von ihm nirgends berührten Trilogie das Wort zu reden. Für
ihn kommt allein in Betracht, dass Aeschylos in einem Drama nur ein
Hauptmoment, nicht den ganzen Mythos dargestellt hatte. Und
so änderte es denn an dieser Auffassung der ganzen Stelle nicht das
Mindeste, wenn (wie u. A. Stark, Niobe S. 36 meint) die angenommene
Niobetrilogie des Aeschylos in nichts zerstieben und ihm nur ein
Drama Niobe erübrigen sollte. Wem endlich der Niobemythos ein
so reicher Stoff nicht scheinen will, dass er nicht ohne Fehler vollständig
in einem Drama sich hätte entfalten können, der erwäge
wenigstens, dass zur Niobe auch Tantalos gehörte, und dieser Titel,
der vom Tegeaten Aristarchos angeführt wird, mit in Betracht zu
nehmen ist. Übrigens erhellt, dass eine Iliupersis, für die mehrere
Dichter angeführt werden, so wenig vom Euripides als vom Aeschylos
durch diese Stelle wenigstens verbürgt wird, und endlich auch vom
Agathon nicht, da die Worte iv rourw p.6vw von dem gerügten Fehler,
nicht von einem Drama gelten.
Das Folgende, das in der Sache einen selbständigen Gedanken
und eine Weisung für eine andere Seite der tragischen Composition
enthält, hat sich in der Form als Gegensatz an das Vorangegangene
angeschlossen. Haben die jüngeren Tragiker insbesondere darin den
gehofften Erfolg verfehlt, dass sie die Tragödie zu einer mit epischer
Vielstoffigkeit ausgerüsteten Composition machen, so treffen sie dagegen
in der Behandlung des dramatischen Situationswechsels den
Geschmack des Publicums vortrefflich und sichern sich dessen Beifall.
Aristoteles sagt 'in den Peripetien und den einfachen Handlungen’, im
Ausdruck nicht ganz genau, aber in der Sache klar und deutlich: er
meint nämlich den durch eine Peripetie vermittelten Umschwung in
dem verflochtenen Mythos oder der verflochtenen Tragödie, und den
ohne diese erfolgenden Übergang in den einfachen Mythen. Worauf
beruht es denn nun, dass die Tragiker in der Behandlung des dramatischen
Situationswechsels in beiden Formen dem Geschmack des
Publicums so sehr entgegen kommen? Es beruht darauf, dass der dargestellte
Vorgang tragisch ist, nicht in dem Sinne, dass er die tragischen
Affecte Mitleid und Furcht aufrüttelt und zum Ausbruch treibt,
sondern nur in soweit als er das dem Mitleid verwandte aber nicht bis
zum Affect gediehene Gefühl allgemein menschlicher Theilnahme anregt,
das durch fdxvSpun'jv bezeichnet wird: rpayadv yäp toüto
Sitzb. d. phil.-hist. CI. LII. Bd. I. Hfl. 10