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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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V  n  h  1  e  n

knüpfende  Composition  der  Handlung  nichts  Widersprechendes  enthalten ­
  darf,  noch  die  andere,  dass  die  Charaktere  Ähnlichkeit  und
Naturwahrheit  haben  müssen,  sondern  diese  Forderungen  setzt  er
voraus,  und  gibt  dem  Dichter  nur  eine  Anweisung,  wie  er  bei  der
Ausführung  eines  Drama  zu  verfahren  habe,  um  ihnen  am  sichersten
zu  entsprechen.
An  diese  erste  Anweisung,  deren  beide  Glieder  auch  durch  die
sprachliche  Form  als  zusammengehörig  bezeichnet  sind,  reiht  sich
die  zweite,  womit  der  Dichter  seine  Ausführung  zu  beginnen  habe.
Er  soll  das  Sujet  seines  Drama,  gleichviel  ob  es  ein  von  ihm  selbst
erfundenes  oder  ein  überkommenes  und  von  anderen  schon  gedichtetes ­
  ist,  abgesondert  von  allem  Detail  und  concreter  Bezeichnung
der  Personen  in  seiner  nackten  Allgemeinheit  des  Geschehenen
behufs  besonderer  Betrachtung  herausheben.  Was  unter  dem  t/.ri-SsgSgu
  ■/.ct.Srö'kou  gemeint  ist,  macht  das  Beispiel  der  Iphigenie  klar:
Aristoteles  hebt  aus  dem  Mythos  von  der  Taurischen  Iphigenie,  nicht
aus  einer  bestimmten  Tragödie  dieses  Stoffes,  das  aller  Individualisierung ­
  entblösste  Argument  heraus,  aus  dem  sich  ein  Drama  schaffen
lässt.  Dass  diesen  Stoff  Euripides,  Polyeidos  bereits  tragisch  behandelt
haben,  ist  für  die  hiesige  Art  der  Betrachtung  untergeordnet  und
kann  nur  dazu  dienen,  den  Unterschied  anschaulich  zu  machen
zwischen  dem  schlichten  Argument  und  dem  ausgeführten  Drama
desselben  Stoffes.  Aristoteles  hätte  aber  seinem  eigenen  Zweck  zuwidergehandelt, ­
  wenn  er  statt  von  'irgend  einem  Mädchen’,  von  'einer
Hellenin’  oder  gar  der  Tochter  des  Agamemnon,  statt  von  'einem
anderen  Land’,  vom  'Barbarenland’  geredet,  und  statt  zu  sagen,  sie
sei  'auf  eine  den  Opfernden  unbekannte  Weise  verschwunden’,  'ihre
Entrückung  durch  die  Huld  der  Artemis’  hineingezogen  hätte.  Wie
sollte  er  also  dadurch  seinen  unhellenisch-weltbürgerlichen  Sinn
verrathen,  dass  er  das  Beispiel  genau  seiner  Anweisung  entsprechend
nimmt  und  den  Stoff  nicht  halb,  sondern  ganz  der  concreten  Züge
der  Sage  entkleidet  darlegt.
Die  Vorschrift  ist  eine  praktische:  da  der  von  der  Sage  oder
Geschichte  überlieferte  Stoff  in  einem  bestimmten  Zusammenhang  und
concreter  Gestaltung  auftritt,  die  beide  dem  vom  Drama  geforderten ­
  nicht  völlig  zu  entsprechen  brauchen,  so  soll  jene  Heraushebung
des  Sujets  aus  seiner  individuellen  Verknüpfung  dem  Dichter  ein
Prüfstein  sein,  dass  die  dramatisch  auszuführende  Handlung  ein  in
            
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