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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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V  a  h  1  e  n

Ausführung  dieses  Gesichtspunctes  verweist  Aristoteles  auf  andere
von  ihm  veröffentlichte  Untersuchungen,  bei  denen  man  am  natürlichsten ­
  an  solche  über  Fragen  der  Dichtkunst  denken  wird,  und
dann  bieten  sich  die  Dialoge  von  den  Dichtern  als  der  geeignete
Platz  dar,  an  welchem  neben  anderem  auch  solche  die  theatralische
Illusion  im  Verhältniss  zur  Dichtung  und  insbesondere  der  Charakteristik ­
  erörternde  Fragen  behandelt  waren.
Die  Erörterung  über  die  Charaktere  ist  hiermit  erschöpft.  Die
Darlegung  ist  kurz  und  knapp  ausgefallen:  und  dennoch  wird  man
bei  näherer  Betrachtung  gestehen  müssen,  dass  kein  wichtiger  Gesichtspunct
  übergangen  worden.  Allerdings  hätte  Aristoteles  ausführen ­
  können,  wie  die  in  der  Tragödie  verwendbaren  Charaktere
der  Menschen  nach  Geschlecht,  Alter,  äusserer  Lebensstellung  u.  s.
w.  verschieden  sind  und  welche  charakteristische  Züge  ihnen  in
jeder  dieser  Rücksichten  anhaften,  wie  er  Rhetor.  III  7,  1408  a  27
diese  Unterschiede  angibt  und  Rhetor.  II  c.  12—17  im  Einzelnen
behandelt.  Und  anderseits  hätte  er  darlegen  können,  mit  welchen
Zügen  man  den  einzelnen  Charakter,  abgesehen  von  der  Person,  der
er  eigen  ist,  anschaulich  zu  machen  habe,  also  z.  B.  wie  der  dp^ilog
und  npäog,  der  ffwwpwv,  dvopscog,  Sappaliog  u.  s.  w.  zu  zeichnen
sei.  Allein  eine  solche  mehr  concrete  Analysierung  der  Charaktere  hat
Aristoteles  augenscheinlich  in  der  Poetik  nicht  beabsichtigt;  nach
dem  leisen  Anlauf,  den  er  zu  derartiger  Betrachtung  bei  dem  ^prjaröv
r/Sog  nimmt,  steht  er  sofort  wieder  still  und  lässt  die  dort  schon
ergriffene  Gelegenheit  zu  breiterer  Ausführung  der  Chrestoethie  nach
dem  Unterschied  der  Geschlechter  wieder  aus  der  Hand.  So  wie  er
eine  psychologische  Analyse  der  beiden  seiner  ganzen  Theorie  zu
Grunde  gelegten  tragischen  Affecte,  Furcht  und  Mitleid,  über  welche
die  Rhetorik  tiefer  in’s  Einzelne  dringende  Aufschlüsse  gibt,  in  der
Poetik  verschmäht  und  sich  mit  karger  Bezeichnung  je  eines  wesentlichen ­
  Merkmals  begnügt,  und  sowie  er  das  ganze  reichhaltige  Gebiet
der  dem  Tragiker  nicht  minder  als  dem  Redner  notlnvendigen  öt«-vot«
  ausdrücklich  der  Rhetorik  vorbehält,  so  hat  er  stillschweigend
jene  speziellere  Zergliederung  der  Charaktere  theils  der  Politik  und
Ethik,  theils  der  Rhetorik  anheimgegeben,  in  der  Poetik  auf  die  dem
Dichter  und  Dramatiker  zu  befolgenden  Gesichtspuncte  sich  beschränkend. ­
  Sollte  man  nicht  glauben,  Aristoteles  habe  der  schöpferischen ­
  Kraft  des  Dichters,  die  er  bald'  nachher  gerade  für  die
            
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