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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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V  a  h  1  e  n

Die  Maler  aber,  die  ihre  Kunst  recht  verstehen,  wissen  die
dargestellten  Personen,  indem  sie  ihnen  die  ihnen  eigentliümliche
Gestalt  verleihen,  ähnlich  zu  bilden  und  doch  schöner  zu  malen.
So  soll  auch  der  Dichter,  wenn  er  zornmüthige  oder  leichtmüthige
oder  mit  anderen  ähnlichen  Charakterzügen  ausgestattete  Personen
darzustellen  hat,  sie  in  dieser  ihrer  Eigenart  (rotoörou?  o'vra?)  als
sittlich  vortreffliche  Menschen  (inuixsig'),  also,  wenn  es  z.  B.  den
Zornmüthigen  gilt,  ihn  als  ein  Ideal  unbeugsamen  Sinnes  darstellen,
wie  den  Achill  Homer  und  Agathon,  jener  in  der  Iliade,  dieser,  wie
Mehre  vermuthet  haben,  im  Telephos,  wo  eine  solche  Zeichnung  desselben ­
  der  Ökonomie  des  Drama,  soweit  sie  heute  erkennbar  ist,
entsprechend  war.
Dies,  denke  ich,  ist  der  Sinn  der  in  den  Handschriften  unversehrt ­
  erhaltenen,  in  den  Ausgaben  aber  seit  der  princeps  verunstalteten
Worte.  In  roiovrovg  ovzag  ixtsixeig  nouXv  liegt  auf  sittlichem
Gebiete  derselbe  Gegensatz  wie  bei  der  malerischen  Darstellung
in  öjxoiovg  xoioövzeg  xaX/.iovg  ypäyovaiv:  wie  hier  die  Idealisierung  des
Malers  die  Ähnlichkeit  und  Naturwahrheit  nicht  aufheben  darf,  so
soll  in  der  Charakteristik  des  Dichters  die  spezifische  Charaktereigenthümlichkeit
  mit  der  sittlichen  Tüchtigkeit  überhaupt  in  ein
Idealbild  verschmolzen  sein.  Die  beispielsweise  angeführten  Charaktere ­
  der  Zornmüthigkeit  (6pyiA6rr,g)  und  Gelassenheit  (paSvpua)
sind  an  sich  nicht  von  der  Art,  dass  sie  den  Menschen  zu  einem
Unsittlichen  und  Verwerflichen  machen,  allein  ei  begreift  sich  leicht,
dass  es  auf  die  Zeichnung  und  Darstellung  arik  mmt,  ob  sie  sich
mehr  der  Gxovdcuorng  oder  mehr  der  <pcrjl6zr,g  zuneigen,  wie  diese
in  der  Hand  des  Darstellenden  liegende  Wendu  :g  nach  beiden
Seiten  Aristoteles  in  der  Rhetorik 1 )  in  anderem  Be  dacht  und  auf
anderem  Gebiete  angedeutet  hat.  Da  nun  die  Tragödie  ausgesprochenermassen
  sittlich  tüchtige  Menschen  (axovöaioug  und  inieuitg)

di  aOrot?  spov[J.cV,  worüber  Bernays  S.  78,  nichts  von  dem  der  Stelle  nachgerühmten ­
  'milden  Hauch 5  verspüren  kann,  so  wenig  als  Anal,  post*  I  3,  72  b  18,
wo  nach  Darlegung  verschiedener  Ansichten  mit  vj/xst?  di  (patxev  xrX.  fortgefahren
wird.
*)  I  9,  1367  a  33  Xvj7rrc'ov  di  xai  ra  GV'je-j^vg  rot?  vKa.p’fcovGt.v  w?  ravra  ovra
xai  7rpog  £7ratvov  xai  npog  rpoyov,  oTov  rdv  evAaßvj  ipvxpdv  xai  irrißovlov  xai
röv  vjXiSiov  ^pyjffröv  xai  rdv  ava'X^vjrov  nrpaov.
            
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