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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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V  a  h  l  e  n

der  Todesstreich  geführt  werden  soll,  und  das  Unheilvolle  verhütet.
Für  das  Urtheil  des  Aristoteles  kann  die  Thatsache  sprechen,  dass
die  von  ihm  selbst  als  Beispiel  angeführte  Scene  aus  demKresphontes,
wo  Merope  das  Beil  gegen  ihren  noch  unerkannten  Sohn  erhebt,
noch  in  späten  Zeiten  auf  den  Theatern  die  grösste  Erregung  hervorrief. ­
  Dennoch  hat  die  unbedingte  Bevorzugung  dieser  letzten  Form
die  Erklärer  der  Poetik  in  nicht  geringe  Verlegenheit  versetzt.  Man
fand  das  Urtheil  im  Widerspruch  mit  der  anderen  Forderung
(Kap.  13),  dass  der  tragische  Umsturz  der  von  Glück  zu  Unglück
sei.  Lessing  wandte  vielen  Scharfsinn  auf,  den  Widerspruch  zu  heben,
indem  er  nachzuweisen  suchte,  Aristoteles  rede  in  Kap.  13  und  14
von  zwei  verschiedenen  Theilen  der  Tragödie,  von  denen  nicht  ein  und
dasselbe  zu  gelten  habe,  wobei  er  [j.sraßolri  undfxsräßaaig  im  13.  Kap.
mit  der  Peripetie  identisch,  das  TzäSog  als  der  Tragödie  schlechthin
notlrwendig  setzte,  beides  gegen  die  Meinung  des  Aristoteles.  So  überzeugend ­
  daher  auch  im  übrigen  Lessing’s  Argumentation  ist,  um  vollkommen ­
  richtig  zu  sein,  verlangt  sie  eine  nicht  unwesentliche  Modification.
  Andere  constatirten  einfach  den  Widerspruch,  den  Susemihl
neuerdings  durch  eine  Wortumsetzung  zu  niclite  zu  machen  suchte.
Nach  ihm  soll  die  beste  Form  (tö  xpavujrov)  die  sein,  in  welcher
die  Erkennung  nach  vollbrachter  That  erfolgt.  Nur  die  nächstbeste
aber  die,  welche  der  Text  zuletzt  gestellt  bat,  in  welcher  die  Erkennung ­
  dem  Vollzug  der  That  noch  eben  zuvorkommt.
Für  die  richtige  Beurtheilung  des  Sachverhältnisses  ist  die  im
Bisherigen  angebahnte  und  befolgte  Auffassung  von  Bedeutung,  dass
das  xaSog,  d.  i.  nach  Aristoteles’  Definition  die  unheilvolle,  schmerzoder
  todtbringende  That,  ein  einzelnes  tragisches  Moment  ist,  das
der  Tragödie  nicht  unbedingt  nothwendig,  und  da  wo  es  angewendet
wird,  nicht  nothwendig  auf  den  Knotenpunct,  an  welchem  sich  der
die  Handlung  der  Tragödie  ausmachende  Situationswechsel  vollzieht,
beschränkt  ist,  sondern  auch  an  anderen  Stellen  und  an  mehreren  eintreten
  kann.  Diese  Auffassung  bestätigen  die  angeführten  Beispiele,
der  Hämon  in  der  Antigone,  Medea's  Kindermord,  ja  die  Merope
selbst.  Die  frühere  Lehre  also,  dass  der  durch  eine  ärzaprta  begründete ­
  einfache  Umsturz  eines  edlen  Helden  aus  Glück  in  Ungemach
die  wirksamste  Compositionsform  sei,  bleibt  unberührt  bestehen.
Aristoteles  untersucht  nicht  das  KctSog  mit  Rücksicht  auf  jene
Compositionsform,  sondern  betrachtet  es  an  sich,  legt  die  verschie-
            
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