104
V a li 1 e ii
dem Theaterpublicum mehr als jene andere. Allein sie gewährt nicht
die von der Tragödie zu erwartende Lust, sondern sie ist vielmehr
der Komödie eigen: denn in dieser (ixet) geht man ja auch so weit,
dass von den feindlich auf einander stossenden (wie ein Orest und
Aegisth) nicht der Eine obsiegt, der Andere unterliegt, sondern beide
ausgesöhnt als Freunde die Bühne verlassen. Um die Annäherung
jener Compositionsform an die Komödie deutlich zu machen, nimmt
Aristoteles das dieser entsprechende Extrem vollständiger Befriedigung
und Aussöhnung der Gegner *).
Aristoteles hat bisher die verschiedenen Möglichkeiten des
Situationswechsels ([xsTäßaau; — psraßolr,') dargelegt und aus
ihnen diejenige Form herausgehoben, welche die tragische Wirkung
am reinsten erzeugt. Das Schicksal eines edeln, auch äusserlich
hochstehenden Helden, der durch einen folgenschweren Irrthum
(äpapria) in’s Unglück stürzt, regt Furcht und Mitleid auf. Allein
dieses ist nicht die einzig mögliche Form der Composition, und
diese, sowie die übrigen an sich weniger auf Aftecterregung angelegten
Formen lassen sich in ihrer Wirkung steigern oder
ergänzen, und es fragt sich, welcher Mittel sich der Tragiker zu
diesem Zweck bedienen könne und dürfe. Das Nächste ist (damit
wird das an das vorige sich eng anschliessende vierzehnte Kapitel
eröffnet) die sinnliche Darstellung auf der Bühne, aus der das
foßspäv aed ilseivov hervorgehen kann, natürlich unter der stillschweigenden
Voraussetzung, dass der uns vor Augen gestellte
Vorgang selbst von solcher Beschaffenheit ist. Die Wirkung, die
das mit Augen sehen auf die Mitleiderregung übt, hat Aristoteles in
seiner Theorie vom Mitleid (Rhetor. II 8) gebührend hervorgehoben:
da nämlich, sagt er, das Leid, wenn es uns nahe vor Augen steht,
Mitleid erregt, das aber, was vor tausend Jahren geschehen ist, oder
in tausend Jahren geschehen wird, sei es in der Erwartung oder in
der Erinnerung unser Mitleid entweder gar nicht oder nicht in
gleichem Grade anregt, so ergiebt sich, dass die, welche es uns durch
Gebärden und Töne und überhaupt in sinnfälliger Darstellung veranschaulichen,
unser Mitleid stärker erregen: denn indem sie das
1 ) Diese Auffassung der verschieden gedeuteten, auch kritisch angezweifeiten Stelle
E<m de ovx aurvj >5 and zpayipdias xrX. danke ich Bonitz, dem auch dio sehr
wahrscheinliche Besserung oi av f^ioroi für av oi gehört.