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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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Vahle»

darf.  Die  ganze  Theorie  des  Aristoteles  beherrscht  der  Gedanke,
dass  nur  sittliche  Charaktere  der  Tragödie  anstehen:  er  billigt  es
mehr,  dass  man  sie  zu  hoch  als  dass  man  sie  zu  niedrig  greife.  Das
Mass  der  Höhe,  bis  zu  welcher  der  Tragiker  aufsteigen  darf,  ist
dadurch  bezeichnet,  dass  die  Sittlichkeit  seines  Helden  die  apapTta
nicht  ausschliesst,  die  den  der  Tragödie  nothwendigen  Glücksumschwung
  von  innen  heraus  motiviert  und  den  Helden  selbst  nicht
aus  dem  Kreis  der  Menschlichkeit  heraustreten  lässt.
Die  theoretische  Betrachtung  erhält  ihre  Bestätigung  aus  der
Erfahrung:  die  anfangs  in  dem  Mythenvorrath  blind  umhertappenden
Dichter  sind  dann  mit  Vorliebe  bei  solchen  Stoffen  stehen  geblieben,
welche  den  von  Aristoteles  geforderten  Charakter  an  sich  tragen.
Sie  hatten  sie  nicht  an  der  Hand  einer  bestimmten  Theorie  gesucht,
sondern  die  verschiedenen  Mythen  empirisch  durchkostend,  entdeckten ­
  sie  jene  als  die  wirksamsten.  Darum  gereicht  diese  Erfahrung ­
  jener  Theorie  zur  Stütze.
Also  jene  Composition  des  Mythos  ergiebt  die  schönste,
kunstreichste,  wirksamste  Tragödie,  und  Euripides,  der  sich  dieser
Form  der  Composition  in  seinen  Tragödien  oft  (7roAAat)  bediente,
war  im  Beeilt,  seine  Tadler  im  Unrecht.  Die  Thatsache  hat  es  bewiesen. ­
  Die  Euripideischen  Tragödien,  welche  auf  den  einfachen
Umschwung  aus  Glück  in  Unglück  gebaut  sind  und  mit  dem  tiefen
Leid  des  Haupthelden  abschliessen,  machen  auf  der  Bühne,  vorausgesetzt, ­
  dass  die  Aufführung  nicht  misslingt,  trotz  aller  sonstigen
Mängel  der  Composition,  den  mächtigsten  Eindruck  auf  das  Publicum,
dem  er  darum  als  der  tragischste  der  Dichter  und  seine  Tragödien
als  die  tragischsten  gelten:  nicht  als  ob  demPublicum  jene  gewaltige
affectaufrüttelnde  Wirkung  die  angenehmste  sei,  im  Gegentheil  ihm
ist  eine  mindere  Erregung  der  Affecte  willkommner:  aber  gerade
darum,  weil  es  den  Euripides  um  jener  Wirkung  willen  als  den
tragischsten  Dichter  ansieht,  gibt  es  unwillkürlich  einen  sehr
gewichtigen  Beleg  (sv/jmsTov  [Meyiarov)  für  die  Wahrheit  der  Aristotelischen ­
  Theorie.  Aristoteles  geht  von  der  Forderung  der  tragischen,
d.  h.  furcht-  und  mitleiderregenden  Wirkung  aus:  diejenige  Composition ­
  der  Tragödie,  welche  diese  am  vollsten  und  reichsten  durchzusetzen ­
  vermag,  ist  ihm  die  tragischste  und  darum  (xarcc  rrjv  reyyriv')
die  vollkommenste.  Wer  dagegen  das  zum  Massstab  nimmt,  was
dem  Publicum  das  willkommenste  ist,  der  wird  den  Euripides,  eben
            
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