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Vahle»
darf. Die ganze Theorie des Aristoteles beherrscht der Gedanke,
dass nur sittliche Charaktere der Tragödie anstehen: er billigt es
mehr, dass man sie zu hoch als dass man sie zu niedrig greife. Das
Mass der Höhe, bis zu welcher der Tragiker aufsteigen darf, ist
dadurch bezeichnet, dass die Sittlichkeit seines Helden die apapTta
nicht ausschliesst, die den der Tragödie nothwendigen Glücksumschwung
von innen heraus motiviert und den Helden selbst nicht
aus dem Kreis der Menschlichkeit heraustreten lässt.
Die theoretische Betrachtung erhält ihre Bestätigung aus der
Erfahrung: die anfangs in dem Mythenvorrath blind umhertappenden
Dichter sind dann mit Vorliebe bei solchen Stoffen stehen geblieben,
welche den von Aristoteles geforderten Charakter an sich tragen.
Sie hatten sie nicht an der Hand einer bestimmten Theorie gesucht,
sondern die verschiedenen Mythen empirisch durchkostend, entdeckten
sie jene als die wirksamsten. Darum gereicht diese Erfahrung
jener Theorie zur Stütze.
Also jene Composition des Mythos ergiebt die schönste,
kunstreichste, wirksamste Tragödie, und Euripides, der sich dieser
Form der Composition in seinen Tragödien oft (7roAAat) bediente,
war im Beeilt, seine Tadler im Unrecht. Die Thatsache hat es bewiesen.
Die Euripideischen Tragödien, welche auf den einfachen
Umschwung aus Glück in Unglück gebaut sind und mit dem tiefen
Leid des Haupthelden abschliessen, machen auf der Bühne, vorausgesetzt,
dass die Aufführung nicht misslingt, trotz aller sonstigen
Mängel der Composition, den mächtigsten Eindruck auf das Publicum,
dem er darum als der tragischste der Dichter und seine Tragödien
als die tragischsten gelten: nicht als ob demPublicum jene gewaltige
affectaufrüttelnde Wirkung die angenehmste sei, im Gegentheil ihm
ist eine mindere Erregung der Affecte willkommner: aber gerade
darum, weil es den Euripides um jener Wirkung willen als den
tragischsten Dichter ansieht, gibt es unwillkürlich einen sehr
gewichtigen Beleg (sv/jmsTov [Meyiarov) für die Wahrheit der Aristotelischen
Theorie. Aristoteles geht von der Forderung der tragischen,
d. h. furcht- und mitleiderregenden Wirkung aus: diejenige Composition
der Tragödie, welche diese am vollsten und reichsten durchzusetzen
vermag, ist ihm die tragischste und darum (xarcc rrjv reyyriv')
die vollkommenste. Wer dagegen das zum Massstab nimmt, was
dem Publicum das willkommenste ist, der wird den Euripides, eben