Beiträge zu Aristoteles Poetik,
95
mit ist die tragische Erkennung als eine Umkehr in der Stellung der
Personen zu einander charakterisiert; die in leidenschaftlichem Hader
auf einander Platzenden erkennen sich als durch die Bande des Blutes
(denn yilta schliesst auch die Blutsfreundschaft ein) verbunden,
oder umgekehrt: und diese Umwandlung des Verhältnisses schlägt
den Betheiligten zum Heil oder zum Verderben aus.
Am schönsten und wirksamsten ist diese Erkennung, wenn zugleich
Peripetie erfolgt, wie im Oedipus, d. h. wenn jene Umkehr in
der Stellung der Personen zu einander durch Mittel herbeigeführt
wird, die das gerade Gegentheil bezweckten, oder doch durch im
Gange der Handlung selbst liegende Umstände bewirkt wird, die
dieses Ergehniss nicht erwarten Hessen. Der Ausschlag zu Glück
oder Unglück muss in der Erkennung selbst und in der durch diese
enthüllten Freundschaft oder Feindschaft begründet sein. Der Zutritt
der Peripetie zu der Erkennung markirt nur die Weise, wie die
letztere selbst, die auf verschiedene Art eingeführt werden kann, am
wirksamsten und darum am künstlerischsten eintreten wird.
Es gibt nun allerdings auch noch andere Erkennungen ausser der
genannten: so kann in Bezug auf Lebloses und ganz beliebige Dinge
Erkennung eintreten, wie dies wirklich so-vorkommt (tooTtip avp.-ßaivei),
und ob jemand etwas gethan hat oder nicht gethan hat, kann
man erkennen. Allein diese Erkennungen, die wie im Lehen so auch
im Drama eintreten können, vermögen an sich nicht den Charakter
des tragischen Sujets und seine Entfaltung zu bestimmen. Die dem
Mythos und der Handlung eigenthümlichste Erkennung ist allein die
zuerst genannte, die den unerkannt einander gegenüberstehenden
Personen den Schleier von den Augen nimmt und die feindlich aut
einander stürzenden als blutsverwandt, die freundlich sich gesellenden
als Feinde zeigt. Diese Erkennung, zumal wenn sie auch Peripetie
ist, wirkt tragisch, d. h. sie vermag Furcht und Mitleid zu erregen,
was die Aufgabe der Tragödie ist, da ja aus solchen Vorgängen für
die Betheiligten Glück oder Unglück entspringt.
Dies wird ja wohl der Gedankenfortschritt des Aristoteles sein,
obwohl die Worte in mehr als einem Puncte sich nicht fügen. In den
Worten r, yap roia-jr/j dvayvüpiatg '/.cd KtpuziTiicc ist die Anfügung
der letzten beiden frei und nicht ganz ohne Anstoss. Allein ihre Tilgung
bringt den Autor um ein Stück seines eigensten Gedankens: denn er
weist zurück auf den die Definition ergänzenden Satz, dass am schönsten