Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 51. Band, (Jahrgang 1865)

Über  eine  ital.  raetr.  Darstellung  der  Crescentiasage,

685

läumdete  kommt  zu  den  Verbrechern,  sondern  diese  zu  jener  und
zwar  gleichzeitig,  wodurch  der  Eindruck  der  Erkennungsscene  ein
weit  wirksamerer  wird.  Das  gleichzeitige  Eintreffen  erscheint  hier
weniger  seltsam,  da  es  sich  nur  um  zwei  Kranke  handelt;  aber  um
die  Wahrscheinlichkeit  zu  erhöhen,  wird  angenommen,  dass  der
Herzog  und  Glifet  beim  Grafen  Rast  halten,  so  dass  Letzterer
sich  ermuthigt  fühlt,  einen  Versuch  auch  mit  seinem  kranken  Neffen
zu  machen.
Dieses  überall  fühlbare  Bestreben,  die  Nebenumstände  möglichst
einfach  lind  wahrscheinlich  darzustellen,  zeigt  von  richtigem  Gefühle;
die  Wirkung  des  grossen  Wunders,  welches  das  Grundmotiv  der
Erzählung  ausmacht,  wird  durch  Aufhäufung  von  anderen  kleineren
ungewöhnlichen  Vorgängen  nur  geschmälert.
Werden  wir  nun  dem  obscurenReimer  des  italienischen  Gedichtes
zumuthen,  dass  er  aus  Eigenem  die  vernommene  Mähre  auf  eine  so
sinnige  Art  modificirt  habe?  Bei  dem  sehr  geringen  Grade  seiner
Darstellungskunst,  bei  seinem  steten,  oft  verzweifelten  Ringen  gegen
den  Ausdruck,  kann  man  sich  in  der  That  nicht  dazu  entschliessen
und  ist  eher  geneigt,  seinen  häufigen  Hinweisungen  auf  eine  Quelle,
so  wenig  auch  im  Allgemeinen  auf  derartige  formelhaft  gewordene
Berufungen  zu  geben  ist,  doch  einigen  Glauben  beizumessen.  Dazu
kommt,  dass  die  Einleitung,  die  ihm  jedenfalls  angehört,  zur  Anlage
des  ganzen  Gedichtes  nicht  recht  passen  will.  Betrüger  machen  sich
über  den  Herzog  lustig  und  trotzdem  wird  an  ihm  das  angedichtete
Wunder  zur  Wahrheit.  Ist  das  eine  Satyre,  oder  soll  dadurch  die
Macht  des  Glaubens  noch  lebhafter  veranschaulicht  werden,  oder  ist
es  vielmehr  nichts  als  eine  Ungeschicklichkeit  des  Uberarbeiters?
Mir  scheint  das  Letztere  am  glaubwürdigsten.  Bedenkt  man  nun,
dass  alle  Namen  von  Personen  und  Orten  auf  Frankreich  hinweisen  '),
so  liegt  die  Vermuthung  sehr  nahe,  dass  unser  Gedicht  unmittelbar
oder  mittelbar  aus  einer  französischen  Quelle 2 )  geflossen  sei.
*)  Im  Roman  de  Flamenca  ed.  Meyer  heisst  es  V.  674  L'autre  comtava  de  Guifle  t>
Hat  dies  irgend  einen  Bezug  auf  unser  Gedicht?  Dem  Namen  der  Heldinn  begegnet
man  auch  —  wol  durch  zufälliges  Zusammentreffen  —  in  Chaucer’s  Man  of
Lawe's  tale  und  bei  Go  wer.
2 )  Eine  Erzählung  von  einer  Comtesse  d’Anjou  verzeichnet  Paulin  Paris,  Mss.  frg.
V,  42;  der  Inhalt  stimmt  aber  zur  Sage  des  „Mädchens  ohne  Hände“.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.