Über eine ital. raetr. Darstellung der Crescentiasage,
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läumdete kommt zu den Verbrechern, sondern diese zu jener und
zwar gleichzeitig, wodurch der Eindruck der Erkennungsscene ein
weit wirksamerer wird. Das gleichzeitige Eintreffen erscheint hier
weniger seltsam, da es sich nur um zwei Kranke handelt; aber um
die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wird angenommen, dass der
Herzog und Glifet beim Grafen Rast halten, so dass Letzterer
sich ermuthigt fühlt, einen Versuch auch mit seinem kranken Neffen
zu machen.
Dieses überall fühlbare Bestreben, die Nebenumstände möglichst
einfach lind wahrscheinlich darzustellen, zeigt von richtigem Gefühle;
die Wirkung des grossen Wunders, welches das Grundmotiv der
Erzählung ausmacht, wird durch Aufhäufung von anderen kleineren
ungewöhnlichen Vorgängen nur geschmälert.
Werden wir nun dem obscurenReimer des italienischen Gedichtes
zumuthen, dass er aus Eigenem die vernommene Mähre auf eine so
sinnige Art modificirt habe? Bei dem sehr geringen Grade seiner
Darstellungskunst, bei seinem steten, oft verzweifelten Ringen gegen
den Ausdruck, kann man sich in der That nicht dazu entschliessen
und ist eher geneigt, seinen häufigen Hinweisungen auf eine Quelle,
so wenig auch im Allgemeinen auf derartige formelhaft gewordene
Berufungen zu geben ist, doch einigen Glauben beizumessen. Dazu
kommt, dass die Einleitung, die ihm jedenfalls angehört, zur Anlage
des ganzen Gedichtes nicht recht passen will. Betrüger machen sich
über den Herzog lustig und trotzdem wird an ihm das angedichtete
Wunder zur Wahrheit. Ist das eine Satyre, oder soll dadurch die
Macht des Glaubens noch lebhafter veranschaulicht werden, oder ist
es vielmehr nichts als eine Ungeschicklichkeit des Uberarbeiters?
Mir scheint das Letztere am glaubwürdigsten. Bedenkt man nun,
dass alle Namen von Personen und Orten auf Frankreich hinweisen '),
so liegt die Vermuthung sehr nahe, dass unser Gedicht unmittelbar
oder mittelbar aus einer französischen Quelle 2 ) geflossen sei.
*) Im Roman de Flamenca ed. Meyer heisst es V. 674 L'autre comtava de Guifle t>
Hat dies irgend einen Bezug auf unser Gedicht? Dem Namen der Heldinn begegnet
man auch — wol durch zufälliges Zusammentreffen — in Chaucer’s Man of
Lawe's tale und bei Go wer.
2 ) Eine Erzählung von einer Comtesse d’Anjou verzeichnet Paulin Paris, Mss. frg.
V, 42; der Inhalt stimmt aber zur Sage des „Mädchens ohne Hände“.