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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 51. Band, (Jahrgang 1865)

Über  eine  ital.  metr.  Darstellung  der  Crescentiasage.  (581
Ablegern  (worunter  auch  die  Versionen  der  Gesta  Romanorum  zu
rechnen  sind)  von  jener  ausführlicheren  orientalischen  Version  beeinflusst ­
  worden  sei,  welche  in  den  arabischen  Erzählungscyklus  Aufnahme ­
  fand.

Der  Vollständigkeit  wegen  will  ich  nun  noch  eine  italienische
Erzählung  aus  dem  14.  Jahrhunderte 1 )  erwähnen,  welche  in  eigenthümlicher
  Weise  die  zwei  ersten  Hauptbegebenheiten  —  den  Verratb
des  Bruders  und  den  Mord  des  Kindes  —  mit  einander  verquickt.
Ein  reicher  und  angesehener  Kaufmann  zu  Rom  hinterlässt  zwei
Söhne.  Der  ältere  verliebt  sieb  in  ein  Mädchen  und  ihr  zu  Liebe  treibt
er  ritterliche  Künste,  so  dass  sein  Vermögen  beträchtlich  zusammenschmilzt. ­
  Dann  heiratet  er  sie,  und  sie  fühlte  sich  schon  Mutter,  als
er  den  Entschluss  fasst,  nach  fremden  Ländern  zu  ziehen,  um  durch
Handel  neue  Reichthümer  zu  erwerben.  Er  empfiehlt  seine  Frau  der
Obsorge  des  Bruders.  Dieser  aber  begehrt  nach  dem  Besitze  der
Schwägerinn  und  sucht  sie  zum  Ehebruch  durch  nichtswürdige
Gründe  zu  bewegen:  „Tu  se  grossa  e  giammai  non  si  saprä“.  Sie
weist  ihn  ab;  als  er  aber  sie  mit  gezücktem  Messer  bedroht,  sucht
sie  ihn  mit  Versprechungen  hinzuhalten.  „Piacciati  ch'io  faccia  in
prima  ü  fanciullo,  e  poi  färb  il  tuo  volere.“  ~)  Er  willigt  ein.  Sie
gebirt  einen  Knaben  und  die  frohe  Kunde  wird  dem  abwesenden
Vater  gemeldet.  Darauf  antwortet  dieser,  er  sei  nunmehr  wieder
reich  geworden;  bald  würde  er  zurückkehren.  Nun  dringt  der
Bruder  mit  grösserem  Ungestüme  in  die  Frau,  sie  solle  ihm  zu

1)  Gedruckt  in:  Novelle  d'incerti  autori  dcl  sccolo  XIV.  Bologna,  Romagnoli,  186J.
16S.  31—79.  (Bildet  das  erste  Bändchen  der  Scelta  di  cuHosita  letteraric
inedite  o  rare.)  Die  Überschrift  lautet:  Sloria  d'una  donna  tentata  dal  cognato.
scampata  da  pericoli,  ritornala  in  grazia  per  sua  caslita  e  divozionc.
2 )  Eben  so  vertröstet  in  der  Faustinian’s  Sage  Mechtild  ihren  Schwager  Claudius:
mit  kinde  bin  ich  bevangen;
des  neinac  zuo  disen  ziten  niht  sin;
vil  lieber  geswie  min,
gip  mir  guotliche  eine  vrist:
ich  leiste  gerne  swaz  dir  Iiep  ist.
Kaiserchr.  ed.  Massmann  1330  —  34.
            
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