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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 51. Band, (Jahrgang 1865)

Zeugen-  u.  Inquisitionsbeweis  im  deutschen  Gerichtsverfahren  etc.  391

derartig  gestaltet,  dass  nach  strengem  Rechte,  wie  es  im  Gaugerichte ­
  gehandhaht  wird,  das  Ordal  des  Zweikampfes  nicht  hätte
vermieden  werden  können,  so  sollte  der  Beamte  des  Bischofs  kraft
ausserordentlicher  Vollmacht  als  königlicher  Missus  gelten  und  die
Streitsachen  gleich  dem  Pfalzgrafen  des  Königs  schlichten  dürfen.
Hieraus  erhellt,  dass  Processe,  die  im  ordentlichen  Verfahren,  d.  h.
nach  dem  Rechtsgange  des  Gaugerichtes  durch  Duell  entschieden
werden  mussten,  vom  Pfalzgrafen  als  dem  Vertreter  des  Königs  mit
Vermeidung  des  Ordals  erledigt  werden  konnten.
Fällt  nach  alledem  die  Behauptung,  dass  das  Verfahren  im  Königsgerichte ­
  nolhwendig  dasselbe  war  wie  im  Gaugerichte,  so  bietet  sich
uns  freier  Spielraum  für  die  Erklärung  der  „reclamntio  ad  rctjis  definitiv,<un ­
  sententiam“,  eines  processualen  Vorrechtes,  welches  die
Befreiung  vom  Formalismus  des  gaugerichtlichen  Reehtsganges  zum
Zwecke  hat.
Die  merovingischen  und  karolingischen  Mundbriefe  enthalten
eine  eigenthümliche  Schlussformel,  der  zufolge  die  unmittelbare
persönliche  Beziehung  des  Schützlings  zum  König  auch  in  den
Rechtshändeln  des  ersteren  zur  Geltung  kommen  soll.  Die  Urkundenformeln ­
  drücken  diesen  Gedanken  in  verschiedener  aber  doch  ziemlich ­
  gleichartiger  Fassung  aus.  Si  aliquas  causas  ad  versus  eum
vel  suo  mitio  surrexerint  quas  .  .  .  absque  eins  grave  dispendio
  definitas  non  fuerint,  in  nostri  praesentia  reservelar:  R  oziere
  9.  .  .  quas  in  pago  absque  suo  iniquo  dispeiulio  recte  definitas ­
  non  fuerint,  eas  usque  ante  nos  omnimodis  fiant  suspensas
vel  reservatus  et  postea  ante  nos  per  legem  aut  iustitiam  finitivam
uccipiant  sententiam:  Roziere  10.  .  .  talis  causa  ante  nos
fenitivam  accipiafnjt  sententiam-.  Roziere  11.  .  .  qualiter
secundum  aequitatis  et  rectidudinis  ordinem  finitivam  uccipiant
sententiam:  Roziere  12.  .  .  et  nemo  eis  ad  nos  veniendi  facultatem
  contradicere  praesumat:  Roziere  13.  .  .  ut  usque  ad
nostram  aut  missorum  nostrorum  praesentiam  sint  suspensae:
Roziere  lü.  .  .  usque  ad  praesentiam  nostram  vel  missi  illius,
quem  super  ea  et  alias  negotiatores  nostros  praeponemus  .  .  :
Roziere  30  >).

Vgl.  Sickel:  Beiträge  zur  Diplomatik  III,  die  Mundbriefe,  Immunitäten  und  Privilegien ­
  der  ersten  Karolinger.  >Sep.  Abdruck  aus  den  Sitz.  Ber.  d.  Ak.  d.  W.  XLVII,
            
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