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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 51. Band, (Jahrgang 1865)

Die  Gefahr  vor  Gericht  und  im  Rechtsgang.

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sollte,  so  wurde  dieselbe  nicht  erst  vom  Kaiser  erfunden  und  ausgedacht; ­
  sie  war  im  gemeinem  Leben  längst  in  Übung  und  Brauch.
Als  die  beiden  Klosterbrüder  von  St.  Gallen  Rudimar  und  Ekkehard
ihre  Feindschaft  aufgaben,  zog  ersterer,  wie  uns  erzählt  wird 74 ),
einen  Faden  aus  seiner  Kutte,  warf  ihn  auf  den  Boden  und  sprach:
„Wohlan,  zum  Zeugniss  der  vollkommenen  Sühne  werfe  ich  einen
Faden  aus  meinem  Gewände  auf  die  Erde,  kund  sei  damit  Allen,  dass
die  frühere  Feindschaft  von  nun  an  ein  Ende  habe“.
An  verschiedenen  Orten,  ja  wie  es  scheint  in  aller  Regel 75 ),  war
ferner  die  Urtheilschelte  auf  die  leichteste  Weise  verwirkt,  indem  sie
stehenden,  unverwandten  oder  unverrückten  Fusses  im  buchstäblichen
Sinne  der  Worte  erfolgen  musste 76 ).  Es  galt  dieses  Recht  nachweisbar
an  vielen  Orten  in  der  Markgrafschaft  Mähren 77 ),  in  dem  Odenwalde 78 ),
der  Wetterau 79 ),  auf  dem  Hundsrück 89 ),  in  den  Niederlanden 81 ),

74 )  Vita  St.  Sturmi  c.  IS,  M.  G.  2,  374.
75 )  Bodmann,  Rheingau.  Alterth.  664  erklärt,  übrigens  ohne  Belege,  das  sofortige
Schelten  als  im  „gemeinen  deutschen  Processgange“  begründet.
76 )  Dasselbe,  ein  Widerspruch  „unverwandfs  Fuiss“  wurde  nach  Weisthümern  des  Oberhofes ­
  von  Tholey  für  das  Abstehen  von  einer  Sühne  verlangt,  sonst  ist  sie  stockstät
  zu  halten.  Grimm,  Weisthümer  3,  764.
77 )  S.  Brünner  Schöffenb.  n.  68  in  Note  83  und  über  iglaviensis  c.  139,  Fortsetzung
der  Stelle  in  Note  61  bez.  Note  63:  her  richter  gunt  ir  mir  heraulf  su  seczen
meinen  vnveruckten  fuzz  auf  dise  bank  mit  laube.  her  richter  hie  stee  ich  mit
meinem  vnveruckten  fuzz  auf  dieser  bank  vnd  wil  hören  das  urteil  auff  ein  recht,
nu  sprecht  dar  her  Richter  das  urteil  das  meine  herren  die  scheppen  gesprochen
haben  das  straff  ich  vnd  wil  ein  besseres  teilen.  Wollen  sie  das  an  mein  Wort
yehen  das  danke  ich  gote  vnd  dem  rechten.  Wolt  ir  mir  des  nicht  glelauben,  so
,,  wil  ich  das  mit  euch  dahin  schieben  do  man  recht  gibt  vnd  nympt.  Her  richter
gunt  ir  mir  abezunemen  meinen  unverruckten  fuzz  von  dieser  bank.  Her  richter
gunt  mir  mit  laube  her  ausszutreten  cet.  —  Uber  das  Setzen  des  Fusses  auf  die
Bank  vgl.  Rheingauer  Landrecht  13  bei  Grimm,  Weisth.  1,  339.
78 _)  Vgl.  Maurer,  Geschichte  der  Fronhöfe  4,  239  Note  74.
79 )  Weisthum  von  Raichen.  Anf.  13.  Jh.  Grimm  3,  438:  wulde  sich  ymand  des  beruffen
  gein  keuchen  an  das  oberste  gerichte,  der  mag  isz  tun  unvertzogenlich,
unberaden  und  stendes  fusses  ee  er  hinder  sich  trede.
80 )  Weisthümer  von  Kellenbach  1360,  Grimm  2,  144:  wann  —  der  scheffen  ein  vrtheyl
geh  vndt  eine  parthey  beschwert,  so  soll  die  beschwerte  parthey  vnverwandts
fuess  zu  appelliren  macht  haben.
81 )  Homeyer,  Richtsteig  309  verweist  .auf  Noordewier  N.  Regtsoudh.  409.
Sitzb.  d.  phil.-hist.  CI.  LI.  Bd.  I.  Hft.  10
            
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