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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 51. Band, (Jahrgang 1865)

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Siegel

erfüllen,  und  als  Schuldiger  die  Busse  bezahlen.  Der  Forderung  einer
raschen  Entschliessung  lag  der  gesunde  Gedanke  zu  Grunde,  dass
wo  die  Unschuld  drängt  ein  Zaudern  schlecht  am  Platze  ist.  Auch  war
die  Handlung,  welche  zur  Urkunde  des  Eidgelöbnisses  diente,  an
sich  nicht  ungewöhnlich.  Öfter  musste  der  Halm,  um  dargereicht  zu
zu  werden,  erst  vom  Boden  aufgehoben  werden  7 ~).  Allein  in  Verbindung ­
  mit  der  Forderung  des  augenblicklichen  Wurfes  barg  die  Handlung ­
  die  grösste  Gefahr  für  die  Partei,  eine  Gefahr,  deren  Vermeidung ­
  sogar  noch  mehr  von  dem  Zufalle  als  selbst  von  Gewandtheit ­
  und  Fingerfertigkeit  abhing.  Fand  und  erfasste  der  Gelobende
nämlich  nicht  sofort,  wenn  er  sich  bückte,  den  Halm,  so  konnte  sein
Gegner  mit  Recht  fragen,  ob  er  sich  nicht  versäumt  habe,  und  es  war
für  immer  um  die  Möglichkeit  der  Entschuldigung  geschehen.  —  Die
Ungerechtigkeit,  welche  hierin  lag,  wurde  im  zwölften  Jahrhundert
erkannt  und  von  Kaiser  Friedrich  I.  im  Jahre  1160  aufgehoben,  indem ­
  er  die  Urkunde  des  Gelöbnisses  wandelte.  Das  Erbieten  zum
Schwure  sollte  in  Zukunft  auf  jede  beliebige  Weise  möglich  sein  ;
es  sollte  genügen,  wenn  der  Gelobende  aus  seinem  Gewände  ein
Haar  auszog  und  zwar  sollte  dies  in  aufrechter  Stellung  geschehen
können,  ein  Bücken  zur  Erde  war  nimmermehr  nöthig 78 ).  Was  aber
die  unschädliche  Handlung  betrifft,  an  der  es  künftig  schon  genügen

72)  Vg|.  den  Auszug  aus  dem  Kidricher  Gerichtsbuche  1502  bei  Bodmarin,  Rheingauische
  AUerlhiimer  634.  Als  halt  Symon  der  Schultb.  eynen  Halmen  vlFgehaben,
  vnd  hait  den  Halmen  —•  gereicht  und  hait  gesprochen:  Junker  gryfft  an  den
Halmen  ,  vnd  gebeut  ine  uwern  Brvder  ;  ferner  die  Urkunde  von  1520  ebendaselbst:
Junker  Michel  von  Hohenstein  will  seine  guter  an  Johann  seinen  broder  ablreten
und  geht  vor  Gericht,  als  hait  der  schultheiss  einen  halm'en  aufgehaben  vnd  hait
den  halmen  Junker  Micheln  gereicht  und  hait  gesprochen:  Junker  grift  an  den
halm  und  gebet  in  awren  broder  Johann.
73 )  Rechtsbrief  für  Aachen  1166  bei  Lacomhlet,  Niederrheinisches  Urkundenbuch  1,
n.  412  :  Ceterum  quia  quedam  abusio  pro  longa  consuetudine  in  populo  aquensi
locum  iusticie  obtinuit,  ut  qui  de  calumpnia  uel  aliqua  re  impetebatur,  non  poterat
expurgationis  sue  satisdationem  olferre,  nisi  per  festucam  quam  inclinatus  de  terra
leuasset.  Quam  si  subito  non  inuenisset,  in  penam  compositionis  decidit.  Nos  hanc
'iniquam  legem  perpetuo  condempnanles  imperiali  auctoritate  slatuimus,  quod
liceat  unieuique  in  hoc  nostro  regali  loco  Aquisgrani  pro  qualibet  causa,  qua  im~
petitus  fuerit,  expurgationem  suam  olTerre  per  quodlibet  uel  minimum  quod  de
mantello  uel  tunica  uel  pellicio  uel  camisia  uel  qualibet  ueste,  qua  indutus  est,
manu  potest  auellcre  directe  stando  sine  aliqua  corporis  flexione.
            
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