Die Gefahr vor Gericht und im Rechtsgang-.
139
Sie Hessen den einen durch den andern überbieten. Mit dem, der am
meisten zahlte, fielen sie über den andern her, und wer „des Gerichtes
vare linde ires heren gemoete“ 67 ) etwa nicht hätte lösen wollen, der
konnte vorweg das Verfahren vor ihren Gerichten sein lassen, wenn
anders ihm um sein Leben und Gut zu thun war. So nahmen sie für
die vare und das gemoete von einem Manne wohl zehn, zwölf oder
zwanzig Mark, ja die Hälfte des Streitgegenstandes, auf das sie ihm
Rechtes halfen gegen den Andern 58 ), dem sein Gut abgestritten
wurde, während der Gegner häufig darauf gar kein Recht hatte.
Was half es, dass solchen Richtern vorgestellt wurde, wie sie ihren
Leib und ihre Seele dem Teufel überlieferten, indem sie das Gericht
Gottes verkauften, so lange den Herrn diejenigen die liebsten waren,
welche es am besten verstanden, die armen Leute zu schinden und
auszuziehen 59 ).
War die Gefahr des Gerichtes ein öffentliches oder, was gleichbedeutend
im Geiste der früheren Zeit, ein wohlerworbenes Recht,
so stellte sich die Gefahr, welche den Parteien wechselseitig im
57 ) Gebiisst wurde dem Herrn, an dessen Stelle der Richter sass, und den Urtheilern
oder Erben. Vgl. die Verhandlung- in dem Meierdinge, welches zu Sarsuin in Niedersachsen
1531 gehegt wurde, hei Grimm, Weisthiimer 3, 242. 240. — Gemoete
bedeutet aber in der westphälisclien Rechtsspi ache neben Erlauhniss (vgl.
Weisthum von Deuz: quicunque intraverit vinculum, quod dicitur vroynslos non
exibit sine conquisita licentia, scilicet gemüde advocati et seabinorum. Grimm 3, 3.
Deutsch: so wie in dat vroinslos kumpt, der en sali daruiss nit, id en si mit
urlofle ind gemuede des vaigts ind der,Schelfen. Grimm 3, 7) eine Busse, die gegeniibersteht
dem Gewette. Vgl. ebenda: Si quis reliquerit in tantum, quod vulnus
apertum fuerit,recognoscat Vmarcis zu gemude, et si aliquid aliud fecerit, VIII solidis.
Item nulla satisfactio, que dicitur gemude, poterit de Justitia excedere wedde
Grimm 3, 3. Deutsch: Voirt so wie misdoit, also dat hei eine olfenbaire Avunde
sloige V mark zu gemuede, der sint 3 mark ind 4 schillink uns hern van Colne,
ind 20 Schilling des vaigts; ind missedeit ieman iedt anders, der gilt? 1 /«» schillink
der sint 5 unsme hern van C. und 2y 3 schillink des vaigts. Vort engheine besseronge,
die man nennet gemuede, sali van recht melier sin, dan ein wedde.
Grimm 3, 7.
58 ) In wieferne dies möglich war, darüber vgl. Weisthum zu Breitenbach 1407,
Grimm 3, 334: inde were ess auch Sache, dass derselbe nicht wolde sin eyn recht
richter, und wolde nicht fragen eyme als dem andern, unde wolde dass lassen umbe
gunst adir umbe gäbe adir umbe hass . . .
5 ^) Welk richter des nu meist kan ind doet (die lüde slippen ind villen wider got ind
recht.) die is den heren levest. Informatio S. 643.