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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 51. Band, (Jahrgang 1865)

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Siegel

Da  die  Sachwalter,  wenn  sie  auch  sonst  durch  Fürsprecher  sich
vertreten  Hessen,  beim  Eide  seihst  reden  mussten,  so  begreift  es
sich,  dass  zu  allen  Zeiten  und  überall  derjenige,  welcher  von  Geburt
mit  dem  Gebrechen  einer  schwachen  oder  schweren  Zunge  behaftet
war  und  lallte,  stammelte  oder  lispelte,  sowie  derjenige,  welcher  eine
fremde  Mundart  redete,  beim  Schwure  nicht  unter  der  Herrschaft  des
strengen  Rechtes  stand.  Hier  wie  dort  wurde,  sofern  nach  der  Eidesbelehrung ­
  die  Thatsache  urkundlich  festgestellt  und  die  Ausnahme
von  der  Regel  des  Rechtes  durch  Urtheil  anerkannt  worden  war  30 ),
was  sonst  ein  Fehler  war,  nicht  als  solcher  behandelt  3 ').  In  Sachen
Heinrich’s  wider  Konrad,  eine  Forderung  von  zehn  Mark  betreffend,
wurde  im  Brunner  Gerichte  zu  Recht  gesprochen:  Wenn  ein  armer
Mensch,  welcher  stottert,  stammelt,  lispelt  oder  vermöge  eines
Zungenfehlers  sonstwie  nicht  deutlich  reden  kann,  schwören  soll
und  sein  Fürsprecher  vor  dem  Schwur  diese  Thatsache  beurkundet,
so  wird  er,  obgleich  die  Worte  nicht  gehörig  gesprochen  wurden,
doch  nicht  für  eidfallig  erkannt.  Das  natürliche  Gebrechen  oder  die
Unfähigkeit,  ordentlich  sich  auszudrücken,  entschuldigt  oder  beseitigt
vielmehr,  wie  es  in  dem  Urtheile  heisst,  einen  derartigen  Fall  3S ).  In
Übereinstimmung  hiermit  bekannten  die  Sachsen  in  der  Zips:  Wir
haben  daz  zu  einem  rechten,  wer  einen  eid  tut  und  seinem  vorsprecher

Blanc  I.  c.  II,  42  nach  Schellwitz  a.  0.  S.  23  Note  e  folgende  Begebenheit.
Der  Advocat  Christophorus  Layer  war  wegen  der  Verschwörung  zu  Gunsten  des
Prätendenten  im  Jahre  1722  zum  Tode  verurtheilt  worden.  Sein  Anwalt  focht
das  Urtheil  an.  In  der  Begründung  dieser  Anfechtung  äusserte  er  unter  Anderin  :
Mylord,  il  n’etoit  pas  possible  ,  que  je  pusse  apporter  avec  moi  toutes  mes
autorites  sur  ce  siijet,  mais  j'ai  ici  plusieurs  des  dictionaires  et  des  Iexicons  les
meilleurs,  qui  prouvent  que  le  mot  doit  etre  Christophorus,  et  je  crois  que
mes  adverses  parties  ne  pourront  m’apporter  aucum  exemple  tire  d’un  livre  autentique
  Grec  ou  Latin,  ou  ce  mot  ne  soit  ecrit  avec  uu  o,  et  non  pas  avec  un  e.
C’est  Christophorus  de  ~£(popa,  le  Prelerit  medium  du  Verbe  Grec  (ps'po);  et  les
regles  de  l'etymologie,  et  la  formation  des  noms  verbaux,  prouvent  qu’il  doit  etre
ainsi  Orthographie,  et  qu’il  ne  peut  I’etre  autreinent.  Dans  tous  les  dictionaires  le
mot  Latin  pour  Christophle  c’est  Christophorus.  —  Die  Anfechtung  hatte  freilich
keinen  andern  Erfolg  als  den,  dass  der  Vollzug  des  Urtheils  verzögert  wurde.
8°)  Vgl.  Brünner  Schöffenb.  n.  433  a.  E.,  186  a.  E.
31 )  Die  Überschrift  des  Brünner  Schölfenurtheils  u.  430  lautet:  Impedimenlum  naturale ­
  excusat  casum  juramenti  ipso  jure.
32)  Brünner  Schölfenb.  n.  430.
            
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