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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 50. Band, (Jahrgang 1865)

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R  v  i  c  a  1  a

angesichts  dieser  widerlichen  Begründung  die  Rechtfertigung,  die
Böckh  oder  jene,  die  sich  auf  Hegel  berufen,  versuchen,  wenn  der
Verfasser  nicht  so  gerechtfertigt  werden  will  ?
Doch  vielleicht  kann  man,  verzichtend  auf  die  R  e  c  h  t  f  e  r  t  i  g  u  n  g
der  Stelle,  behaupten,  dass  sie  sich  wenigstens  entschuldigen
lasse?  Dieser  Ansicht  war  Hermann.  „Mea  quidem  sententia  excusari
Sophocles,  non  liberari  a  reprehensione  potest,  quae  est  iustissima“
und  weiter  „facit  id  illa  propter  pietatem  erga  fratrem,  ut  ex  tota
fabula  apparet,  non  propter  praecipuum  quemdam  amorem.  Quare  si
isto  loco,  de  quo  disputamus,  ita  loquitur,  ut  et  quam  aliis  eamdem
debet  pietatem,  et  naturalis  mulierum  in  maritos  et  liberos  propensionis
  oblivisci  videatur,  non  dubium  est,  quin  id  neque  cum  ipsius
ingenio,  neque  omnino  cum  feminarum  moribus  congruat.  Itaque
defendi  quidem  non  potest.  At  hinc  non  sequitur,  excusari  non  posse.
Fecit  enim  Sophocles,  quod  saepe  fecerunt  tragici  Graeci,  ut  etiam
minus  apto  loco  quod  populo  argutis  disceptationibus  delectari  solito
acceptum  fore  intelligeret,  eius  offerendi  arriperet  opportunitatem.
Qur-e  quum  Persicae  illius  mulieris  dictum  celebratum  esse  sciret,
utendum  eo  putavit,  idque  lmud  sane  inscite  fecit  (?).  Nam  ubi  ad
ciudelissimam  mortem  abducitur  Anligona,  conquerentem  facit  hoc
modo:  quid  tandemdeliqui?  amavi  fratrem:  quo  quid  mihi
potest  carius  esse?“  (Praef.  p.  35  und  36).  Diese  Entschuldigung ­
  könnte  nur  dann  für  zulässig  erachtet  werden,  wenn  man
wirklich  berechtigt  wäre  zu  sagen:  „Der  Sinn  der  Stelle,  kurz  zusammengefasst, ­
  ist:  amavi  fratrem;  quo  quid  mihi  potest  carius
esse?“  Aber  man  muss  wahrlich  in  eine  weite  Entfernung  von  der
Stelle  seihst  treten  und  das,  was  in  ihr  wirklich  enthalten  ist,  in
hohem  Masse  ignoriren,  um  zu  dem  Resultate  zu  gelangen,  dass  der
langen  Rede  kurzer  Sinn  kein  anderer  als  dieser  sei.  Es  wird  durch
diese  ungenaue  Inhaltsangabe  gerade  das,  was  die  Stelle  Grelles  und
Ungereimtes  darbietet,  verwischt.  Und  mag  die  Äusserung  der  persischen ­
  Frau  so  bekannt  und  berühmt  «als  möglich  hei  den  Athenern
gewesen  sein,  so  folgt  daraus  noch  durchaus  nicht,  dass  der  Dichter,
um  nur  einen  bekannten  und  bei  den  Athenern  beliebten  Ton  anzuschlagen, ­
  von  ihr  hätte  auch  einen  solchen  Gebrauch  machen  dürfen,
durch  welchen  Antigone  zur  Lügnerinn  oder  zu  einer  albernen  Person
gemacht  wird.  Also  auch  diese  Position  der  blossen  Entschuldigung
ist  unhaltha 1 '  und  es  bliebe  den  Vertheidigern  der  Überlieferung  nur
            
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