Beitrage zur Kritik und Erklärung des Sophokles.
655
gefordert haben würde, eine Albernheit, wenn sie an diesen Umstand
nicht gedacht hätte. War aber ihre jetzige Äusserung ernst gemeint,
dann waren ihre früheren Behauptungen Lügen. Man hat auch Hegel's
Autorität zu Hüte geruten, um zu beweisen, dass Antigone so raisonniren
konnte. „Der Bruder aber ist der Schwester das ruhige gleiche
Wesen überhaupt, ihre Anerkennung in ihm rein und unvermischt
mit natürlicher Beziehung; die Gleichgültigkeit der Einzelheit und
die sittliche Zufälligkeit ist daher in diesem Verhältnisse nicht vorhanden;
sondern das Moment des anerkennenden und anerkannten
einzelnen Selbsts darf hier sein Recht behaupten, weil es mit dem
Gleichgewichte des Blutes und begierdeloser Beziehung verknüpft ist.
Der Verlust des Bruders ist daher der Schwester unersetzlich u n d
ihre Pflicht gegen ihn die höchste.“ (Phänomenol. d. G. S.
341 »). Während also Böekh durch Hinweisung darauf, dass Antigone
die Mutterliebe nicht kannte und dass nach antiker Anschauung der
Gatte dem Bruder nachstand, Antigone’s Äusserung rechtfertigen will,
soll durch Berufung auf Hegel die Berechtigung jener Äusserung
philosophisch dargethan werden. Man braucht sich auf die Erörterung,
ob diese Behauptungen richtig sind oder nicht, gar nicht einzulassen.
Dass der Verfasser der fraglichen Verse weder im Hinblick auf das
von Böekh hervorgehobene Moment, noch etwa in dunkler Ahnung
des von Hegel ausgesprochenen Gedankens der Antigone jene Äusserung
in den Mund legte, geht unstreitig aus den folgenden Versen
hervor, durchweiche er selbst Antigone ihre Äusserung begründen
lässt: „Gatte und Kind könnten mir ersetzt werden, der Bruder ist
unersetzlich, da Vater und Mutter todt sind“. Wenn also die Eltern
noch am Leben gewesen wären, so hätte sie, wie aus dem ihr in den
Mund gelegten Raisonnement. folgerichtig sich ergibt, sich nicht für
verpflichtet angesehen oder wenigstens sich nicht für verpflichtet
ansehen müssen, ihrem Bruder jenen Dienst zu leisten. Was nützt
■) Dagegen Bemerkt Hermann (praef. p. 31): „Secundum, quod attulit Jacobus, ab
ingenio naturaque mulierum abhorrere, ut fratres magis quam maritos et liberos
ament, id Wexius ut refutaret, Hegelium eiusque cohortem ndvocavit. Frustra :
nam et Antigonae illa et Intnphernis uxoris disputalio quid aliud, quam etiain
veteribus id mirum ac paene inauditum Visum esse ostendit, si mutier marito iiliisque
potiorem haheret frafrem. Dissentiant igitur, si iis ptacet, a caeteris hominibus