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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 50. Band, (Jahrgang 1865)

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keit  identisch  war  mit  dem  Gehorsam  gegen  die  Satzungen
der  Götter?  Keine  einzige  Äusserung  des  freilich  ängstlichen
Chors  berechtigt  zu  der  Annahme,  dass  er  in  der  Übertretung  von
Kreon’s  Gebot  eine  Verletzung  der  Dike  gefunden  hätte,  sondern
er  war  gewiss  vollkommen  mit  Antigone's  Worten  ov  yäp  ri  y.ot  Zeug
r/v  ö  xripi/^ag  Tafte  oftft'  v  tyvouog  rcöv  xctrco  Seibv  Aivxi  roiovaft'  iv
avSpünoicnv  tipiaev  v6p.ovg  u.  s.  w.,  was  den  von  ihr  ausgesprochenen
Gedanken  betrifft,  einverstanden.  Dass  nicht  Antigone,  sondern  Kreon
gegen  die  Satzungen  der  Götter,  also  auch  der  Dike,  verstösst,  das
war  die  Ansicht  des  Dichters,  und  diese  lässt  er  auch  den  Chor  aussprechen. ­
  Vgl.  das  zweite  Strophenpaar  des  zweiten  Stasimon,  insbesondere ­
  604  f.,  616—  7,  620  ff.  und  die  treffende  Auseinandersetzung ­
  in  Sclmeidewin’s  Einleitung  S.  16  (4.  Auf].).  Man  vergleiche
ferner  die  Äusserungen  des  Chors  1091  ff.  1097,  1101  f.  1103  f.
1107,  in  denen  er  seine  Herzensmeinung  zu  äussern  sich  beeilt,
sobald  ihm  nur  die  Worte  des  Teiresias  Mutli  eingeflösst  haben  und
er  den  Eindruck,  den  sie  auf  Kreon  machten,  gemerkt  hat.  Nur
Furcht  und  nichts  als  Furcht  war  es,  was  ihn  hinderte,  offen  und
entschieden  Antigone's  That  zu  billigen  und  Kreon’s  Verbot  so  wie
seinen  Beschluss  gegen  Antigone  zu  tadeln,  und  Antigone  sagte  die
reinste  Wahrheit,  wenn  sie  behauptete  rouroig  toüto  näaiv  ävftäveiv
leyoir'  äv,  ei  p.r,  yÄöüacjav  iyAr,oi  (poßog  (604  f.).  Wie  könnte  also
der  Chor,  muss  man  verwundert  fragen,  jetzt,  wo  Kreon  abwesend ­
  ist,  er  sich  also  nicht  zu  verstellen  brauchte,  der  Antigone
vorwerfen,  sie  hätte  durch  ihre  That  die  Dike  verletzt?  Vgl.  auch
noch  die  nächste  Äusserung  des  Chors  oeßeiv  [xiv  evaeßeia  ng.
Man  müsste,  wenn  man  die  gewöhnliche  Ansicht  festhalten
wollte,  annehmen,  dass  der  Vorwurf  des  Chors,  Antigone  habe  die
Dike  verletzt,  sich  auf  die  Starrheit  und  Heftigkeit  bezieht,  die
Antigone  im  Gespräche  mit  Kreon  bewies,  und  nicht  auf  ihre  That,
nicht  auf  ihre  Übertretung  des  Herrschergebots.  Aber  wer  möchte
ein  solches  Auskunftsmittel  anwenden  wollen?
Auch  die  folgenden  Worte  der  Antigone  zeigen,  dass  der  Chor
nicht  jene  Rüge  ausgesprochen  hat,  oder  wenigstens,  dass  Antigone
jene  Rüge  in  ihnen  nicht  fand.  Sie  wird  durch  den  letzten  Vers
des  Chors  veranlasst,  im  Anschlüsse  an  diese  Worte  das  erbliche
Unglück  des  Labdakidenhauses  zu  bejammern.  Hätte  der  Chor  ihr
jenen  Vorwurf  gemacht,  so  würde  Antigone  denselben  sicher  nicht
            
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