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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 50. Band, (Jahrgang 1865)

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Dr.  E.  Robert  Roesler

Mit  der  spanischen  Sprache,  jenem  westlichen  Aste  des  grossen
romanischen  Völkerbaumes  hat  die  romanische  Sprache  gemeinsam
manche  treuere  Erhaltung  des  lateinischen  Consonantismus  und  die  <?
Vorliebe  für  dunklere  Lautfarhen  des  Vocalismus,  aber  sie  theilt  auch
mit  ihr  die  Erscheinung,  dass  fremde  Bestandtheile  noch  lange  Zeit
in  sie  eindrangen,  als  die  Einwirkung  des  Fremden  auf  die  übrigen
romanischen  Sprachen  ihr  Ende  erreicht  hatte.
Das  Romanische  unterscheidet  sich  von  allen  romanischen
Sprachzweigen  durch  die  massenhafte  Reception  slavischer  Wortschätze; ­
  das  Lateinische  hat  dadurch  starke  Einbusse  erfahren,  ja
die  romanische  Volkssprache,  an  welcher  der  moderne  Purificirungsdrang,
  der  jetzt  die  Literatur  beherrscht,  noch  machtlos  gehlieben
ist,  zeigt  in  den  unzerstörbar  festen  Linien  der  romanischen  Gram-  ,
matik  eine  völlige  Herrschaft  des  Slavischen.  Die  walachische  Sprache
mahnt  so  an  die  englische,  in  der  auf  den  Grundlagen  des  germanischen ­
  Sprachbaues  reiche  Klangmassen  des  Romanischen  sich  erheben. ­
  Eine  Linie  von  den  Marken  Hochschottlands  bis  zur  Prutmündung
bezeichnet  überhaupt  die  äusserste  Grenze  der  Herrschaft  romani-  0
scher  und  romanisirender  Sprachen  gegen  den  germanisch-slavischen
Nordosten  Europa's.
Ein  Idiom,  dessen  Sprecher  von  hundert  wilden  Wogen  der
stürmenden  Völkerwanderungen  unsanft  geschüttelt  wurden,  trägt  die
walachische  Sprache,  wie  zu  erwarten,  viele  Spuren  dieser  fremden,  ,
oft  unwohlthätigenBerührungen;  ihr  Wörterbuch  mit  seinem  bunten,
so  schwer  vertilgbaren  Inhalt  spricht  beredter  als  die  dürftigen  leicht
zerstörbaren  Berichte  der  Geschichte.  An  der  unteren  Donau  und  in
der  südwärts  fortziehenden  Halbinsel  war  die  Völkerbewegung  dauernder, ­
  vielfacher  und  wechselvoller  als  irgendwo  in  Europa.  Die  Loire
und  die  Tiber,  ja  die  Themse  und  der  Tajo  waren  schon  lange
beruhigt,  als  die  untere  Donau  und  der  Hebrus  noch  immer  den  Lärm
neuer  Stämme  vernahmen.  So  wurde  die  romänische  Sprache  die

Ansicht  geäussert  (Entwickelung  der  wichtigsten  Grundsätze  für  die  Erforschung
der  rumunischen  oder  walachischen  Sprache.  Siebenbürg.  Vereins-Archiv,  1843),
dass  ein  bedeutendes  Bruchtheil  germanischen,  speciell  gothischen  Eigens  im
Romanischen  sich  finde,  eine  Ansicht,  die  vergeblich  auch  von  Cipariu  (de  Latinitate
  linguae  valachicae)  gestützt  wird.  Verzeichnisse  solcher  Germanismen
sehe  man  bei  Diez  Rom.  Gr.  I,  34  und  Arthur  und  Albert  Schott  Walachische
Märchen,  Stuttgart  1843,  S.  23.
            
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