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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 50. Band, (Jahrgang 1865)

Beiträge  zu  Aristoteles  Poetik.

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Es  ist  vollkommen  sachgemäss,  wenn  Aristoteles  das  9.  Capitel
mit  den  Worten  eröffnet:  ipave'pdv  §i  ix  rüv  ££pi?pivwv  xrA.  Denn
diese  weitere  Forderung  ist  eine  Consequenz  aus  jener  früheren  und
in  derselben  eingeschlossen.  Soll  der  Dichter  eine  einheitliche,  nach
beiden  Seiten  abgeschlossene  Handlung  von  kunstgerechter  Ausdehnung ­
  schaffen,  so  ist  er  von  der  Forderung  historischer  Treue  zu
entbinden.  Sein  Gesetz  ist  die  Verknüpfung  der  Begebenheiten  nach
Wahrscheinlichkeit  und  Nothwendigkeit,  welche  allein  die  wahre
Einheit  der  izpä^ig  ermöglicht.  Dieses  Gesetz  erhebt  die  Dichtung
über  die  individuelle  Wirklichkeit  hinaus  zu  der  allgemeingütigen
Wahrheit,  und  zieht  die  Grenze  zwischen  der  historischen  Kunst  und
der  Dichtkunst.
Das  Streben  der  Dichtkunst  nach  dem  Allgemeingiltigen  und
der  poetischen  Wahrheit  ist  bereits  augenfällig  geworden  bei  der
Komödie,  welche  in  der  nach  dem  Gesetz  der  Wahrscheinlichkeit
erfundenen  Handlung  Personen  nicht  mit  individuell  wirklichen,  sondern ­
  mit  beliebig  vom  Dichter  erfundenen  Namen  auftreten  und  handeln ­
  lässt.  Die  Tragödie  dagegen  hält  sich  zwar  zumeist  an  die  von
der  Sage  oder  Geschichte  dargebotenen  Stoffe  und  hat  darin  den  Vortheil, ­
  dass  der  einzig  von  ihr  bezweckte  Glaube  an  die  Möglichkeit
und  Wahrscheinlichkeit  der  Handlung  getragen  und  unterstützt  wird
von  dem  Bewusstsein  der  Wirklichkeit  derselben.  Aber  auch  die
Tragödie  hält  sich  nicht  immer  und  ausschliesslich  an  Überliefertes
und  hat  doch  auch,  wo  sie  es  nicht  tliat,  dieselbe  Wirkung  erzielt:
was  leicht  begreiflich  wird,  da  ja  auch  das  historisch  Gegebene
selten  dem  ganzen  Publicum  als  solches  bekannt  ist,  und  dennoch ­
  auf  das  ganze  Publicum  gleicherweise  wirkt.  Also  die  nach
dem  Gesetz  der  Wahrscheinlichkeit  und  Nothwendigkeit  vollzogene
dichterische  Umbildung  (pu'p^atg)  des  gegebenen,  von  Sage  oder
Geschichte  überlieferten  Stoffes  macht  den  dramatischen  Dichter ­
  aus:  und  findet  sich  der  Dichter  in  dem  sehr  seltenen  Falle,
dass  die  Überlieferung  sich  so  darbietet,  wie  er  sie  für  sein
Kunstwerk  gebraucht,  so  erfüllt  er  nichtsdestoweniger  seine  Aufgabe ­
  als  Bildner  (p.ipw,rf/g),  indem  er  den  historischen  Stoff  für
seine  Dichtung  nimmt,  nicht  weil  er  historisch  ist,  sondern  weil
er  diejenigen  Eigenschaften  bereits  besitzt,  die  ihm  sonst  der
Dichter  aus  eigener  Erfindung  zu  geben  berechtigt  und  verpflichtet ­
  wäre.
            
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