Beiträge zu Aristoteles Poetik.
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Es ist vollkommen sachgemäss, wenn Aristoteles das 9. Capitel
mit den Worten eröffnet: ipave'pdv §i ix rüv ££pi?pivwv xrA. Denn
diese weitere Forderung ist eine Consequenz aus jener früheren und
in derselben eingeschlossen. Soll der Dichter eine einheitliche, nach
beiden Seiten abgeschlossene Handlung von kunstgerechter Ausdehnung
schaffen, so ist er von der Forderung historischer Treue zu
entbinden. Sein Gesetz ist die Verknüpfung der Begebenheiten nach
Wahrscheinlichkeit und Nothwendigkeit, welche allein die wahre
Einheit der izpä^ig ermöglicht. Dieses Gesetz erhebt die Dichtung
über die individuelle Wirklichkeit hinaus zu der allgemeingütigen
Wahrheit, und zieht die Grenze zwischen der historischen Kunst und
der Dichtkunst.
Das Streben der Dichtkunst nach dem Allgemeingiltigen und
der poetischen Wahrheit ist bereits augenfällig geworden bei der
Komödie, welche in der nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit
erfundenen Handlung Personen nicht mit individuell wirklichen, sondern
mit beliebig vom Dichter erfundenen Namen auftreten und handeln
lässt. Die Tragödie dagegen hält sich zwar zumeist an die von
der Sage oder Geschichte dargebotenen Stoffe und hat darin den Vortheil,
dass der einzig von ihr bezweckte Glaube an die Möglichkeit
und Wahrscheinlichkeit der Handlung getragen und unterstützt wird
von dem Bewusstsein der Wirklichkeit derselben. Aber auch die
Tragödie hält sich nicht immer und ausschliesslich an Überliefertes
und hat doch auch, wo sie es nicht tliat, dieselbe Wirkung erzielt:
was leicht begreiflich wird, da ja auch das historisch Gegebene
selten dem ganzen Publicum als solches bekannt ist, und dennoch
auf das ganze Publicum gleicherweise wirkt. Also die nach
dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit und Nothwendigkeit vollzogene
dichterische Umbildung (pu'p^atg) des gegebenen, von Sage oder
Geschichte überlieferten Stoffes macht den dramatischen Dichter
aus: und findet sich der Dichter in dem sehr seltenen Falle,
dass die Überlieferung sich so darbietet, wie er sie für sein
Kunstwerk gebraucht, so erfüllt er nichtsdestoweniger seine Aufgabe
als Bildner (p.ipw,rf/g), indem er den historischen Stoff für
seine Dichtung nimmt, nicht weil er historisch ist, sondern weil
er diejenigen Eigenschaften bereits besitzt, die ihm sonst der
Dichter aus eigener Erfindung zu geben berechtigt und verpflichtet
wäre.