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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 50. Band, (Jahrgang 1865)

Beiträge  zu  Aristoteles  Poetik.

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bunden,  das  auf  Ganzheit  und  innerer  Gliederung  der  Theile  beruht.
Wie  also  jegliches  Schöne  weder  allzuklein  sein  darf,  damit  die
Gliederung  der  Theile  wahrgenommen  werden  kann,  noch  allzugross,
damit  die  Betrachtung  der  einheitlichen  Ganzheit  möglich  bleibe,  so
muss  auch  die  Tragödie  (oder  ihr  /xOSos),  wenn  sie  als  Kunstwerk
den  Forderungen  der  Schönheit  entsprechen  soll,  zwar  eine  gewisse
Ausdehnung  haben,  welche  die  Gliederung  der  Theile  zu  betrachten
ermöglicht,  aber  diese  Ausdehnung  darf  ein  solches  Mass  nicht
erreichen,  welches  die  Wahrnehmung  der  abgeschlossenen  Ganzheit
ausschliesst.  Allein  diese  Bestimmungen  der  Grösse  sind  doch  immer
noch  zu  allgemeiner  Art,  und  obwohl  sie  auf  Kunstwerke  jeder  Gattung ­
  sich  anwenden  lassen,  so  gestatten  doch  verschiedene  Kunstwerke, ­
  je  nach  ihrem  eigenen  Wesen,  einen  ganz  verschiedenen
Grad  der  Ausdehnung:  zeigt  sich  diess  doch  selbst  innerhalb  der
Dichtung  bei  dem  Epos  und  der  Tragödie,  die,  wie  Aristoteles  mehrmals ­
  hervorgehoben  hat,  in  Bezug  auf  Grösse  ganz  verschiedenen
Bedingungen  unterliegen.  Die  Frage  bleibt  also  auch  nach  jenen
allgemeinen  Bestimmungen  noch  immer  übrig,  wie  gross  kann  und
wie  gross  darf  die  Tragödie  sein:  sie  lässt  sich  nach  äusseren
Gesetzen  und  Gewohnheiten  der  Bühneneinrichtung  entscheiden;
aber  dieser  Gesichtspunct  kann  für  die  Theorie  der  Tragödie  nicht
bestimmend  sein.  Nach  den  Gesetzen  des  Kunstschönen  betrachtet, ­
  wird  die  grössere  Tragödie,  wofern  sie  übersichtlich  bleibt,
was  den  Umfang  betrifft,  die  schönere  sein,  denn  die  Grösse  überhaupt ­
  ist  ein  Requisit  des  Schönen,  und  je  reicher  die  Tragödie  ist,
um  so  mehr  kann  die  Gliederung  der  Theile  sich  entfalten.  Allein
die  aus  dem  inneren  Wesen  und  der  Aufgabe  der  Tragödie  geschöpfte ­
  Bestimmung  ihrer  Grösse  ist  doch  erst  die,  dass  die  Tragödie ­
  einen  solchen  Umfang  haben  muss,  um  die  volle  Entfaltung
einer  Handlung,  d.  h.  einer  Situation,  die  nicht  so  bleiben  kann,
wie  sie  liegt,  sondern  einen  Übergang  in  sich  schliesst,  entweder
vom  Glück  zum  Unglück  oder  vom  Unglück  zum  Glück,  zu  ermöglichen. ­
  Welcher  Art  der  für  die  Tragödie  angemessene  Übergang
sei,  liegt  hier,  wo  die  Tragödie  lediglich  von  ihrer  dramatischen
Seite  gefasst  wird,  ausser  dem  Kreise  der  Betrachtung;  es  genügt
für  den  hiesigen  Zweck,  die  Forderung  so  zu  stellen,  dass  der  in
der  Handlung  eingeschlossene  Übergang  in  dem  Umfang  einer  Tragödie ­
  sich  voll  und  reich  entfalten  und  vollständig  ausklingen  könne.
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