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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 49. Band, (Jahrgang 1865)

Beiträge  zur  Kritik  und  Erklärung  des  Sophokles.

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sie  ihm  zeigt,  wen  zugleich  seine  Worte  mittrelYen  müssen“.  Dies
ist  eben  der  oben  angedeutete  Reiz,  den  Sophokles  meiner  Überzeugung ­
  nach  leider  verschmäht  hat;  als  Grund  gegen  die  handschriftliche ­
  Überlieferung  aber  kann  man  dies  nicht  gelten  lassen.  Man
nimmt  nämlich  irrthümlich  cir;pcc££iv  in  der  Bedeutung  „schmähen“,
während  es  hier  vielmehr  „schmählich  behandeln“  heisst;  Ismene
versteht  darunter  das  riicksichtlose  Verfahren  Kreon’s  gegen  Haimon,
dem  er  seine  Braut  raubt  (vgl.  630  airar«?  [d.  i.  Entziehung]
Ü7ripaXyüv).  Dies  Wort  konnte  hier  Ismene  um  so  eher  anwenden,
da  bekanntlich  äripa£stv  nicht  selten  den  Begriff  „Jemandem  etwas
(mit  Verachtung)  entziehen,  nicht  vergönnen“  hat.  Vgl.  0.  T.  340
ä  vöv  aii  rrjvo’  är'.[xccCeig  nöliv.  0.  C.  49  f.  pr,  p’  artpaar)?  .  .  .  ypaaou.
  Ant.  22.  344.  Ismene  will  mit  V.  372  nicht  eine  Erwiederung  auf
Kreon's  xaxä?  yuvatxa?  aussprecnen  ‘),  sondern  ihre  Erwiederung  gilt
dem  Gedanken,  der  in  Kreon’s  Worten  liegt  und  den  er  schon  369
ausgesprochen  hat.  Die  allgemein  gehaltenen  Worte  xaxa?  syco
yuvafxa?  vUaiv  Gri/yü  geben  ja,  auf  den  vorliegenden  Fall  angewandt,
den  Sinn:  „Antigone  soll  mein  Sohn  nicht  zum  Weibe  haben;  er  soll
sich  ein  anderes  Weib  nehmen“.  Natürlich  ist  aber  V.  372  im  Munde
der  Ismene  nicht  etwa  blos  ein  zweckloser  Ausbruch  der  Sympathie
für  Haimon;  gewiss  beabsichtigt  Ismene,  indem  sie  Kreon  nachdrück-0

  Dass  Ismene,  wenn  sie  V.  572  spräche,  vor  allein  ihre  Schwester  gegen  den  Vorwurf
  x«x>7  »yDvvj  in  Schutz  nehmen  müsste,  ist  eine  unbegründete  Annahme,  die
mit  der  irrigen  Auffassung  von  arip.a£eiv  zusammenhängt.  Eine  solche  Apologie
konnte  der  Ismene  hier  ebenso  wenig  in  den  Sinn  kommen,  wie  nach  V.  565,  in
welchem  Kreon  den  Vorwurf  der  Schlechtigkeit  nicht  nur  der  Antigone,  sondern
auch  ihr  selbst  gemacht  hat.  Ismene  hatte  Wichtigeres  zu  thun!  All’  ihr
Denken  und  Trachten  ist  von  V.  563  an  darauf  gerichtet,  Kreon’s  Sinn  zu  erweichen. ­
  Das  geeignetste  Mittel  dafür  war  die  Mahnung,  Antigone  sei  seines  Sohnes
Braut;  diesen  Punct  hebt  sie  zu  wiederholtenmalen  hervor,  nämlich  V.  568.  570.
572.  574.  Zu  der  Zeit,  als  sie  V.  572  aussprach,  hoffte  sie  noch,  Kreon  von
seinem  Entschluss  abzubringen;  auch  V.  574  ist  ja  noch  ein  abermaliger  Versuch,
dies  zu  erreichen;  erst  mit  V.  576  spricht  sie  niedergeschlagen  und  verzweifelnd
ihre  Hoffnungslosigkeit  aus.  Wenn  also  Ismene  bei  V.  572  noch  hoffte,  so  wäre
eine  Apologie  ganz  verfehlt  gewesen;  sie  musste  jetzt  immer  und  immer  wieder
Kreon  durch  eine  Mahnung  an  das  Verhältniss  zwischen  Antigone  und  Haimon
drängen.  Ausserdem  musste  Ismene  sicher  wissen,  dass  sie  durch  eine  Apologie
der  Antigone  Kreon  nicht  nur  nicht  besänftigen,  sondern  noch  mehr  erbittern
würde,  und  davor  musste  sie  sich  sorgfältig  hüten.
            
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