Beiträge zur Kritik und Erklärung des Sophokles.
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sie ihm zeigt, wen zugleich seine Worte mittrelYen müssen“. Dies
ist eben der oben angedeutete Reiz, den Sophokles meiner Überzeugung
nach leider verschmäht hat; als Grund gegen die handschriftliche
Überlieferung aber kann man dies nicht gelten lassen. Man
nimmt nämlich irrthümlich cir;pcc££iv in der Bedeutung „schmähen“,
während es hier vielmehr „schmählich behandeln“ heisst; Ismene
versteht darunter das riicksichtlose Verfahren Kreon’s gegen Haimon,
dem er seine Braut raubt (vgl. 630 airar«? [d. i. Entziehung]
Ü7ripaXyüv). Dies Wort konnte hier Ismene um so eher anwenden,
da bekanntlich äripa£stv nicht selten den Begriff „Jemandem etwas
(mit Verachtung) entziehen, nicht vergönnen“ hat. Vgl. 0. T. 340
ä vöv aii rrjvo’ är'.[xccCeig nöliv. 0. C. 49 f. pr, p’ artpaar)? . . . ypaaou.
Ant. 22. 344. Ismene will mit V. 372 nicht eine Erwiederung auf
Kreon's xaxä? yuvatxa? aussprecnen ‘), sondern ihre Erwiederung gilt
dem Gedanken, der in Kreon’s Worten liegt und den er schon 369
ausgesprochen hat. Die allgemein gehaltenen Worte xaxa? syco
yuvafxa? vUaiv Gri/yü geben ja, auf den vorliegenden Fall angewandt,
den Sinn: „Antigone soll mein Sohn nicht zum Weibe haben; er soll
sich ein anderes Weib nehmen“. Natürlich ist aber V. 372 im Munde
der Ismene nicht etwa blos ein zweckloser Ausbruch der Sympathie
für Haimon; gewiss beabsichtigt Ismene, indem sie Kreon nachdrück-0
Dass Ismene, wenn sie V. 572 spräche, vor allein ihre Schwester gegen den Vorwurf
x«x>7 »yDvvj in Schutz nehmen müsste, ist eine unbegründete Annahme, die
mit der irrigen Auffassung von arip.a£eiv zusammenhängt. Eine solche Apologie
konnte der Ismene hier ebenso wenig in den Sinn kommen, wie nach V. 565, in
welchem Kreon den Vorwurf der Schlechtigkeit nicht nur der Antigone, sondern
auch ihr selbst gemacht hat. Ismene hatte Wichtigeres zu thun! All’ ihr
Denken und Trachten ist von V. 563 an darauf gerichtet, Kreon’s Sinn zu erweichen.
Das geeignetste Mittel dafür war die Mahnung, Antigone sei seines Sohnes
Braut; diesen Punct hebt sie zu wiederholtenmalen hervor, nämlich V. 568. 570.
572. 574. Zu der Zeit, als sie V. 572 aussprach, hoffte sie noch, Kreon von
seinem Entschluss abzubringen; auch V. 574 ist ja noch ein abermaliger Versuch,
dies zu erreichen; erst mit V. 576 spricht sie niedergeschlagen und verzweifelnd
ihre Hoffnungslosigkeit aus. Wenn also Ismene bei V. 572 noch hoffte, so wäre
eine Apologie ganz verfehlt gewesen; sie musste jetzt immer und immer wieder
Kreon durch eine Mahnung an das Verhältniss zwischen Antigone und Haimon
drängen. Ausserdem musste Ismene sicher wissen, dass sie durch eine Apologie
der Antigone Kreon nicht nur nicht besänftigen, sondern noch mehr erbittern
würde, und davor musste sie sich sorgfältig hüten.