Beiträge zur Kritik und Erklärung des Sophokles.
wohl selbst der eifrigste. Vertheidiger der Böckh'schen Änderung
zugeben. Genügend hat darauf schon Jacob erwiedert: „Ohne Zweifel
konnte sie, zumal in ihrer gegenwärtigen Aufgeregtheit, bei ihrer
Freundlichkeit überhaupt und hei der nahen Verwandtschaft co f'ära.3-'
Atp.oiv ausrufen, da yt/r«rog sehr oft nicht seine ganz eigentyj
liehe Bedeutung hat. So nennt Elektra die Frauen des Chors: <pG-Tcizcu
yuvaXxzg (El. 1227) und Deianeira sogar den Eichas: <piÄrar’
ccvdpüiv“ (Trach. 232). Böckh hat mit Unrecht den Haimon mit den
Worten „den ihr fremden Bräutigam“ bezeichnet; Haimon war ihr
dv£\jjiog, er war auch der Bräutigam ihrer Schwester. Wenn
Böckh den Ausruf der Ismene „nach hellenischer Sitte nicht wohl
begreiflich“ nennt, so kann dies durchaus nicht zugegeben werden.
Die Griechen gebrauchten ja die Wörter <ptXog, (pilrarog, tpilelv u. a.
nicht blos von der Liebe (im engsten Sinne des Wortes, den man
heutzutage gewöhnlich diesem Worte beilegt), sondern auch von Verwandtenliebe,
Freundesliebe und von jeder Zuneigung überhaupt.
Nach hellenischen Begriffen konnte also durchaus nichts Anstössiges
darin liegen, wenn ein Mädchen den Bräutigam ihrer Schwester <p'ü-Tzrog
nannte. Wohl zu beachten ist übrigens noch das von Jacob
u hervorgehobene Moment, nämlich „die Aufgeregtheit“ der Ismene.
Gegenüber der Lieblosigkeit, welche Kreon gegen seinen eigenen
Sohn beweist, indem er ihm seine Braut raubt, kann sich Ismene nicht
enthalten, ihrer Zuneigung zu dem Bräutigam ihrer Schwester durch
den schmerzlichen Ausruf co fcXrccS’ At/zaiv Ausdruck zu geben;
f es ist dieser Ausruf eben ein Zeichen ihrer Sympathie, ihrer schmerzlichen
Erregtheit bei der Härte Kreon’s, der seinen eigenen Sohn
nicht schont. Von den von Jacob angeführten Stellen ist die zweite
sehr passend. Deianeira ist durch die willkommene Botschaft des
Eichas eu p.iv iy/ieSa in freudige Aufregung versetzt und in dieser
Gemüthstimmung redet sie ohne Scheu den Eichas <L filrar' dtvdpüv
an. Daran nahm sicher kein Grieche Anstoss und auch heutzutage
wird Niemand sagen, dass, weil Herakles der Deianeira <pihrcx.rog av-‘k
opöjv war, diese Ansprache von ihr für Herakles hätte aufgespart
werden sollen.
„Wenn Kreon erwiedert: „Zu sehr zuwider bist du mir und
deine Ehe“, so ist, da Ismene das Wort Ehe überhaupt nicht gebraucht
hat, die Auslegung eben nicht annehmlich, dass die Ehe gemeint
sei, wovon Ismene gesprochen hatte“. Böckh. Auch Bonitz
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