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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 49. Band, (Jahrgang 1865)

Beiträge  zur  Kritik  und  Erklärung  des  Sophokles.

wohl  selbst  der  eifrigste.  Vertheidiger  der  Böckh'schen  Änderung
zugeben.  Genügend  hat  darauf  schon  Jacob  erwiedert:  „Ohne  Zweifel ­
  konnte  sie,  zumal  in  ihrer  gegenwärtigen  Aufgeregtheit,  bei  ihrer
Freundlichkeit  überhaupt  und  hei  der  nahen  Verwandtschaft  co  f'ära.3-'
  Atp.oiv  ausrufen,  da  yt/r«rog  sehr  oft  nicht  seine  ganz  eigentyj
  liehe  Bedeutung  hat.  So  nennt  Elektra  die  Frauen  des  Chors:  <pG-Tcizcu
  yuvaXxzg  (El.  1227)  und  Deianeira  sogar  den  Eichas:  <piÄrar’
ccvdpüiv“  (Trach.  232).  Böckh  hat  mit  Unrecht  den  Haimon  mit  den
Worten  „den  ihr  fremden  Bräutigam“  bezeichnet;  Haimon  war  ihr
dv£\jjiog,  er  war  auch  der  Bräutigam  ihrer  Schwester.  Wenn
Böckh  den  Ausruf  der  Ismene  „nach  hellenischer  Sitte  nicht  wohl
begreiflich“  nennt,  so  kann  dies  durchaus  nicht  zugegeben  werden.
Die  Griechen  gebrauchten  ja  die  Wörter  <ptXog,  (pilrarog,  tpilelv  u.  a.
nicht  blos  von  der  Liebe  (im  engsten  Sinne  des  Wortes,  den  man
heutzutage  gewöhnlich  diesem  Worte  beilegt),  sondern  auch  von  Verwandtenliebe, ­
  Freundesliebe  und  von  jeder  Zuneigung  überhaupt.
Nach  hellenischen  Begriffen  konnte  also  durchaus  nichts  Anstössiges
darin  liegen,  wenn  ein  Mädchen  den  Bräutigam  ihrer  Schwester  <p'ü-Tzrog
  nannte.  Wohl  zu  beachten  ist  übrigens  noch  das  von  Jacob
u  hervorgehobene  Moment,  nämlich  „die  Aufgeregtheit“  der  Ismene.
Gegenüber  der  Lieblosigkeit,  welche  Kreon  gegen  seinen  eigenen
Sohn  beweist,  indem  er  ihm  seine  Braut  raubt,  kann  sich  Ismene  nicht
enthalten,  ihrer  Zuneigung  zu  dem  Bräutigam  ihrer  Schwester  durch
den  schmerzlichen  Ausruf  co  fcXrccS’  At/zaiv  Ausdruck  zu  geben;
f  es  ist  dieser  Ausruf  eben  ein  Zeichen  ihrer  Sympathie,  ihrer  schmerzlichen ­
  Erregtheit  bei  der  Härte  Kreon’s,  der  seinen  eigenen  Sohn
nicht  schont.  Von  den  von  Jacob  angeführten  Stellen  ist  die  zweite
sehr  passend.  Deianeira  ist  durch  die  willkommene  Botschaft  des
Eichas  eu  p.iv  iy/ieSa  in  freudige  Aufregung  versetzt  und  in  dieser
Gemüthstimmung  redet  sie  ohne  Scheu  den  Eichas  <L  filrar'  dtvdpüv
an.  Daran  nahm  sicher  kein  Grieche  Anstoss  und  auch  heutzutage
wird  Niemand  sagen,  dass,  weil  Herakles  der  Deianeira  <pihrcx.rog  av-‘k
  opöjv  war,  diese  Ansprache  von  ihr  für  Herakles  hätte  aufgespart
werden  sollen.
„Wenn  Kreon  erwiedert:  „Zu  sehr  zuwider  bist  du  mir  und
deine  Ehe“,  so  ist,  da  Ismene  das  Wort  Ehe  überhaupt  nicht  gebraucht ­
  hat,  die  Auslegung  eben  nicht  annehmlich,  dass  die  Ehe  gemeint ­
  sei,  wovon  Ismene  gesprochen  hatte“.  Böckh.  Auch  Bonitz
k
            
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