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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 49. Band, (Jahrgang 1865)

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K  v  1  c  a  I  a

ten  als  äXX’  ovrcoj,  cuars  toü?  ip-oug  "koyovg  txppr,TOvg  ysviaSca
(ysviaScu  —  waren)  d.  i.  du  hast  zu  sterben  gewählt,  nicht
ohne  dass  meine  Worte  ungesprochen  gewesen  wären,
d.  i.  als  du  den  Entschluss  fasstest,  Polyneikes  zu  bestatten ­
  *),  da  habe  auch  ich  mitgesprochen.
Schneidewin’s  Auffassung  unterscheidet  sich,  obwohl  auch
sie  nicht  gebilligt  werden  kann,  doch  vortheilhaft  von  allen  anderen.
Schn  ei  de  win  fasst  die  Worte  grammatisch  so  auf,  wie  sie  einzig
und  allein  aufgefasst  werden  können  (in  diesem  Puncte  stimmt  seine
Erklärung  mit  der  des  Scholiasten  überein),  und  andererseits  hält  er
sich  von  der  Ungereimtheit  der  ersten  Erklärung  des  Scholiasten  fern;
leider  hat  er  aber  die  Richtigkeit  der  zweiten  Erklärung  der  Scholien
nicht  erkannt.  „Du  wähltest  das  Sterben  doch  nicht  ohne  dass  ich
meine  Ansichten  ausgesprochen  hätte,  d.  h.  du  hörtest  mich,  bevor  du
zur  That  schrittest,  und  weisst  somit,  dass  ich  nicht  aus  Lieblosigkeit
gegen  Pol.  dir  abrieth.“  Aber  zu  der  Hinzufügung  der  Worte  „und
weisst  somit  —  abrieth“  war  Schnei  de  win  durch  nichts  berechtigt; ­
  diese  Beziehung  kann  Niemand,  der  die  Grenzen  des  Möglichen
im  Auge  behält,  in  den  Worten  des  Dichters  finden.  Ebenso  kann
Ismene  auf  die  von  ihr  früher  ausgesprochenen  Ansichten  nicht
zurückweisen.  Denn  welchen  Standpunct  nahm  sie  bei  dem  Vortragen
dieser  Ansichten  ein?  den  Standpunct  ängstlicher  Klugheit  und  Furcht
vor  der  Todesstrafe.  Darauf  aber  anzuspielen  musste  sich  Ismene  im
höchsten  Grade  hüten.  Es  entspricht  somit  auch  diese  Auffassung,
abgesehen  von  dem  ersten  Bedenken,  nicht  der  gegenwärtigen  Stimmung ­
  der  Ismene.
Ohne  Zweifel  ist  die  zweite  Erklärung  der  Scholien,  die  von
einem  sehr  scharfsinnigen  Exegeten  herrühren  muss,  die  einzig  richtige ­
  und  angemessene;  der  Urheber  dieser  Erklärung  hat  mit  feinem
Tact  gefühlt,  welche  Äusserung  hier  einzig  und  allein  der  gegenwärtigen ­
  Stimmung  der  Ismene  und  dem  ganzen  Wesen,  das  sie  in  dieser
Scene  zeigt,  entspricht.  Es  sind  auch  diese  Worte  darauf  berechnet,
dem  Kreon  den  Glauben  beizubringen,  dass  auch  sie  schuldig  sei  und

t)  Dass  ich  in  der  Paraphrase  diese  Worte  anwende,  ist  keine  willkürliche
Verwechslung,  sondern  eine  berechtigte  Vertauschung  von  äquivalenten ­
  Gedanken.  Der  Entschluss,  den  Polyneikes  zu  bestatten,  und  iXieSou
xar^avetv  waren  ja  unzertrennlich  verbunden.
            
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