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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 49. Band, (Jahrgang 1865)

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K  v  i  c  a  1  a

Lichte  erscheinen  lassen,  Rücksicht  zu  nehmen!  Wenn  ausser  dieser
Auffassung  der  handschriftlichen  Überlieferung  eine  andere  nicht
möglich  wäre,  dann  würde  Nauck  mit  Recht  die  Überlieferung  als
sinnlos  bezeichnen;  denn  die  Ismene  des  Scholiasten  und  Dindorf's
kann  man  bei  aller  Achtung  für  beide  nur  als  unbeabsichtigte  Caricatur
  der  sophokleischen  Ismene  betrachten.  Die  Ismene  des  Sophokles ­
  ist  ein  edles,  hochherziges  Mädchen,  das  nichts  sehnlicher  und
au  frichtiger  wünscht,  als  mit  der  innigst  geliebten  Schwester  zu
sterben.  In  der  ersten  Scene  hat  sie  sich  der  kühnen  Antigone  gegenüber ­
  zaghaft  bewiesen,  aber  die  innigste  Liebe  und  wärmste  Theilnahme
  für  ihre  Schwester  hat  sie  ungeachtet  des  bittersten  Hohnes,
den  Antigone  über  sie  ausgiesst,  auch  nicht  einen  Augenblick  lang
verläugnet  oder  auch  nur  etwas  in  den  Hintergrund  gedrängt.  Jetzt,
da  Antigone  dem  Tode  verfallen  soll,  hat  sie  von  ihrem  früheren  Benehmen ­
  nur  die  Zaghaftigkeit  und  Furcht  vor  dem  Tode  aufgegeben,
die  Schwesterliebe  hat  sie  in  ungeschwächtem  Maasse  behalten,  ja
diese  Liebe  erreicht  gerade  jetzt  den  Hühepunct  und  lässt  ihr  den
Tod  mit  ihrer  Schwester  als  wünschenswerth  erscheinen.  Niemand
hat  das  Recht,  ihre  hierauf  bezüglichen,  so  bestimmten  Äusserungen
V.  544  f.  548.  554.  566  als  nicht  ernstlich  gemeinte  zu  verdächtigen; ­
  Niemand  bat  das  Recht,  ihr  Streben,  sich  als  gleich  schuldig
darzustellen,  für  Verstellung  zu  halten;  folglich  ist  es  auch  unbesonnen ­
  und  verkehrt,  in  den  Versen  536  f.  die  Tendenz,  dem  Kreon  ihre
Unschuld  zu  beweisen  zu  suchen.  Und  welch’  eine  psychologische
Unwahrscheinlichkeit  birgt  die  Auffassung  des  Scholiasten  und  Dindorf’s
  in  sich!  Ismene  ist  -  durch  das  Schiksal  der  Schwester  in
die  höchste  Aulregung  und  Verzweiflung  versetzt.  Sollte  auch  Jemand
diese  ihre  Erregtheit,  die  sich  in  V.  536  f.  deutlich  abspiegelt,  nicht
sehen  wollen,  so  wird  er  doch  wohl  Kreon’s  Worten  491  f.  saoj  yäp
sfoöv  äp-rlw?  Xuffffcöffav  aürrjv  oucT  ijzrjßo'Xov  ypsvcüv  Glauben  schenken. ­
  Und  in  dieser  heftigen  Aufregung  sollte  sie  der  schlauen  Berechnung ­
  fähig  gewesen  sein,  die  ihr  zugemuthet  wird?  und  gehört  das
etwa  auch  zu  der  schlauen  Berechnung,  dass  sie  sich  nicht  mit  den
Worten  diopaxa—ip-appo^ü  begnügt,  sondern  ihre  Mitschuld  auch
noch  so  energisch  mit  xod  ^vp.p.£ziay_oj  -/.ad  yspio  zrig  cciziag  betheuert?
Böckli  hat  einen  anderen  Weg  eingeschlagen.  Er  mutlict  der
Ismene  nicht  jene  Schlauheit  und  Verstellung  zu,  sondern  er  erklärt
die  Hinzufügung  der  Worte  sinsp  fio  ip-oppcdsl  durch  die  Annahme
            
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