442
K v l c a I :i
1. Die erste Classe bilden die Erklärungen von Wes, Wunder,
Jacob, Sc hu eidewin, Held, Di n d o rf, die alle auf einer
gemeinschaftlichen Grundlage beruhen und sich fast nur im Ausdruck
unterscheiden; allen diesen Erklärungen liegt die Annahme zu Grunde,
dass doxetv beidemal „wähnen“ bedeute. Wex: „S’ist schlimm doch,
dass, wer wähnt, auch Falsches wähnen kann“. Wunder: „Grave
est, qui suspicioni locum det, euin etiam falsa s u s p icari;
i. e. dolendum est, eum, qui animum induxerit suspicari, etiam
falsa suspicari“. Jacob: „Schlimm ist es, dass man, glaubt man
nur, auch Falsches glaubt“. Schneidewin: „Schlimm, dass wer
überhaupt wähnt (sich auf's Wähnen einlässt), auch Falsches wähnt“.
Held: „Grave profecto, qui proclivis sit ad suspicandum, istum vel
ea, quae falsa sunt, pro veris credere“. Dindorf: „Grave est, cui
veri simile aliquid videtur, ei etiam non vera veri similia videri“.
Allen diesen Erklärungen steht der von Bonitz (S. 454) hervorgehobene
Grund entgegen, dass man bei dieser Auffassung ein xopupgüscv
mit dem Worte ooy.slv in der Äusserung des Wächters nicht finden
kann. Es spricht aber gegen diese Auffassung auch der Umstand,
dass der triviale Ausspruch „Schlimm ist es, dass wer auf’s Wähnen
sich einlässt, auch falsch wähnt“, so wahr er auch an sich ist, mit
der vorausgehenden Äusserung Kreon’s in keiner Beziehung oder
doch wenigstens in einer sehr matten und unpassenden Beziehung
steht. Da Kreon trotz der Versicherung des Wächters, er habe mit
jenem Werke nichts zu schaffen gehabt, doch hartnäckig und eigensinnig
an der Behauptung, der Wächter sei ein Mitschuldiger, festhält
(322): so müssen die Worte des Wächters (323) auf dies
eigensinnige Festhalten einer falschen Meinung sich
beziehen. Dies ist der eine Punct, der in 323 liegen muss; das
zweite ist, wie bereits erwähnt ward, dass in 323 ein xo/xtpsveiv in
dem Gebrauche des Wortes ooxsiv enthalten sein muss. Meiner Meinung
nach kann also nur jene Erklärung des V. 323 für richtig gelten,
welche diesen beiden Forderungen entspricht. Und dies kann von
Böekh's Erklärung behauptet werden.
2. Böckh interpungirt nach ys nicht und erklärt: „0 wahrlich
schlimm, wem gut dünkt, dass ihm Falsches dünke; das heisst:
schlimm , wenn Jemand beschlossen hat Falsches zu glauben“. Diese
Erklärung steht im besten Zusammenhänge mit Kreon's Worten (322) ;
das hartnäckige Festhalten Kreon’s an der falschen Meinung, von der