Beiträg-e zur Kritik und Erklärung- des Sophokles.
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Hermann's Erklärung an, ohne sie ausdrücklich zu billigen oder zu
missbilligen; dass er sie stillschweigend verwirft, geht aus seinen
weiteren Worten hervor, mit denen er seine Auffassung der Stelle
zwar nicht so entschieden wie früher (Jahn s Jahrb. LXV, S. 240)
als richtig bezeichnet, aber doch immer noch als die wahrscheinlichste
hinstellt: „Vielleicht ist fuy_pög für dr,rjr,q zu nehmen, so dass
der Sinn ist: nach kalten Schicksalsstürmen hast du heisses Blut“.
Dindorf (ed. tert.): „calidum cor habes ubi frigido opus est“.
Diese beiden Erklärungen, sowie alle anderen Erklärungen mit
Ausnahme der von Hermann gegebenen, heben den Zusammenhang
zwischen V. 88 und den vorausgehenden Worten der Antigone (86.
87) auf. Von .Hermann's Erklärung dagegen lässt sich beweisen,
dass durch dieselbe V. 88 in enge-Beziehung zu V. 86 f. gebracht
wird, und dies ist ein gewichtiges Zeugniss für die Richtigkeit derselben;
denn man ist doch von vornherein zu der Annahme berechtigt,
dass bei der sticbomythischen Anordnung Rede und Gegenrede
mit einander in inniger Wechselbeziehung stehen müssen, und Ausnahmen
davon darf man unnöthiger Weise nicht statuiren. Ismene
fordert, als sie den hartnäckigen Trotz der Antigone sieht, ihre
Schwester auf, die Thal, die sie vorhat, wenigstens geheim zu halten
und verspricht ihr ihrerseits ebenfalls Verschwiegenheit. Diesen Liebesdienst
weist Antigone höhnisch zurück und fordert sie auf, in der
ganzen Stadt es zu verkünden. Nun war aber auf die Bestattung des
Polyneikes die Todesstrafe gesetzt; Antigone bekundet also in den
Augen der Ismene den höchsten Grad leidenschaftlicher Verwegenheit,
da sie vor dem Tode so wenig zurückschreckt, dass sie vielmehr
ihre Schwester auffordert, die That öffentlich zu verkündigen und
ihr dadurch sicheren Tod zu bereiten. Überdies musste Ismene aus
den Worten der Antigone (86 f.) auch entnehmen, dass sie der Aufforderung
uA'a ouv npoy.r)vO'jr,g ye rovro ixr/osvi roüpyov, y.pvffi oe
y.Büät nicht nachkommen, sondern sich vielmehr offen ihrer That rühmen
werde. Diese leidenschaftliche Verwegenheit bezeichnet Ismene
mit den Worten 3-spp.f,v y.apdizv iyj-is, wie ja Sepp.ig nicht selten
„leidenschaftlich, verwegen“ bedeutet. Im Gegensätze dazu wird nun
mit ipuy^poLtn die That, welche Antigone vorhat, sammt ihren Folgen
als etwas bezeichnet, was geeignet ist, vor Schrecken erstarren zu
machen; auf Antigone üben aber diese ^ivy_pd nicht den Einfluss aus,
den sie nach Ismene's Ansicht ausühen sollten, sondern sie benimmt