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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 48. Band, (Jahrgang 1864)

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422  J.  D  i  e  m  e  r
Betracht  zieht,  so  möchte  mail  fast  glauben,  dass  derselbe  von  einem
andern  Verfasser  herrühre,  so  gut  und  rein  sind  fast  durcligehends  die
Reime,  so  regelrecht  und  genau  die  Verse,  auch  die  Sprache  ist  fliessender
  und  minder  schwerfällig,  ja  die  ganze  Behandlung  des  Stoffes
gehobener  und  überall  mehr  Gewandtheit  und  Sicherheit  von  Seite
des  Dichters  zeigend.
Eine  merkwürdige  Erscheinung  liegt  auch  in  dem  Umstande,
dass  die  jüngeren  Texte  in  W  und  K  oft  viel  ältere  Formen,  sowohl
in  den  Flexionen  als  in  den  Reimen  darbieten:  ein  Beweis,  dass
selbe  für  die  Bestimmung  des  Alters  dieser  Dichtungen  nicht  immer
massgebend  sind.  Worin  eigentlich  die  Ursache  dieser  Erscheinung
besteht,  lässt  sich  schwer  sagen.  Ich  glaube,  dass  einerseits  sich  erst
in  der  späteren  Zeit  ein  feineres  Gefühl  für  genauere  Reime  geltend
machte,  andererseits  mögen  auch  dialektische  Einflüsse  obwalten.  Je
nachdem  ein  Land  in  der  Bildung  vorgeschritten  war,  oder  mit  andern
in  einem  lebendigen,  geistigen  und  materiellen  Verkehr  stand,  also
weniger  von  der  übrigen  Welt  abgeschlossen  blieb,  entwickelte  sich
auch  die  Sprache  mehr  oder  minder  rasch,  so  dass  ihre  Bewohner
jene  älteren  Sprachlormen  gegen  die  neueren,  in  ihren  Lauten  mehr
abgeschwächten,  viel  früher  zu  vertauschen  anfingen.  So  kann  es  leicht
geschehen  sein,  dass  ein  Dichter  oder  Schreiber,  der  in  einem  solchen
Lande  lebte,  oder  aus  einer  berühmten  höheren  Schule  hervorging,
sich  einer  viel  moderneren  Sprache  bediente,  während  Andere  noch
durch  mehrere  Jahrzehente  am  Alten  festhielten,  ja  vielleicht  jene
Neuerungen  sogar  verschmähten.  So  mag  auch  unsere  Handschrift
oder  das  Gedicht  selbst  von  einem'  in  Bamberg  gebildeten  Geistlichen
herstammen,  der  von  dort  her  wieder  in  seine  Heimat  zurück  kehrte
und  etwa  in  Melk  oder  Göttweig  lebte.  Im  letzteren  Stifte  mochte  es
wieder  ein  schwäbischer  Priester  gewesen  sein,  der  von  dem  Bischof
A11  m  a  n  n  oder  vom  Probste  Ha  r  t  m  a  n  n  dahin  berufen  wurde,  welcher
dasselbe  in  die  rein  mittelhochdeutsche  Form  von  W,  jedoch  mit
manigfachen  Anklängen  des  heimatlichen  Dialektes  umarbeitete.  Doch
sind  dies  nur  Vermuthungen,  welche  noch  weiterer  Prüfung  bedürfen.
Von  Parallelstellen  zum  Texte  dürften  mir  aus  den  alt-  und  mittelhochdeutschen ­
  Sprachdenkmälern  wenige  entgangen  sein,  aus  den
lateinischen,  namentlich  der  h.  Schrift  und  den  Kirchenvätern  glaubte
ich  nur  jene  aufnehmen  zu  sollen,  welche  zum  richtigen  Verständnis»
des  Gedichtes  etwas  beizutragen  schienen.  Jeder  Stelle  darin  nach-
            
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