Der Pfahlbau im Garda-See.
331
in alten Zeiten den elementaren Einflüssen entzogen wurde. Diese
Veränderungen erklären sich aus der Natur der Verhältnisse. Bei
der Verflachung des ausgedehnten Sees und bei der Strömung nach
dieser Richtung muss hier eine Tendenz zur Ablagerung aller festen
Stoffe stattfinden, wodurch die Inselbildurig stets gefördert wird,
da die anderwärts von den Wellen abgespülten Stoffe, wenn einmal
eine Stauung durch sanfte Erhebungen, welche die Kraft der Wellen
brechen, eiritritt, um so sicherer gefällt werden. Bei fortgesetzter
Wirkung muss das Ufer eine immer grössere seeseitige Zunahme
erfahren, und wir sehen in der That die ehemaligen Inseln
zum grössten Theil in festes Land verwandelt; bei ungehinderter
Naturwirkung könnte sonach die Pfahlstelle einmal trocken werden i).
Das Festland ist also gegenwärtig eher weiter hinaus als herein
gerückt und es ist sonach kaum zu bezweifeln, dass die Pfahlstelle
von jeher mit Wasser überfluthet und ursprünglich weiter vom
Ufer entfernt war als jetzt; die Entfernung vom östlichen Ufer mag
bei SO Klafter betragen haben (da man e d a mit ziemlicher Sicherheit
als Grenze nach dieser Richtung annehmen kann), die vom
westlichen lässt sich noch nicht angeben.
Die Lage der alten Bauwerke ist insoferne für die Grenze des
Festlandes massgebend, als sie gewiss so weit als möglich mit ihren
Umfassungsmauern gegen den See vorgeschoben wurden, um dadurch
das Wasser als natürliche Abwehr zu gewinnen, ja in den
See hinausgebaut wurden, um eine copstante Wassertiefe zu gewinnen;
und doch erreichten weder die ältesten, noch die von den
Venetianern loOO—15ol erbauten, noch die neuen Werke die
Grenze der Pfählstelle.
Es ist aber noch ein anderer Factor zu berücksichtigen, nämlich
der Wasserstand der Gegenwart in Vergleich zu dem einstmaligen.
Aus verschiedenen Umständen lässt sich vermuthen, dass
er sich im Laufe der historischen Zeit etwas gehoben habe. Hieraus
dürfte es sich auch erklären, dass die Pfähle in einer so bedeutenden
Tiefe (5—7 Fuss) unter dem gegenwärtigen Wasserspiegel
angetroffen werden.
*) Auch bei anderen Seen sind ähnliche Erscheinungen zu beobachten: so haben die
Ufer des tienfer-Sees ihre Gestalt durch die Anschwemmungen der Rhone wesentlich
geändert und bei Port Valois soll das Land seit den Zeiten der Römer um eine
halbe Meile hinausgerückt sein.