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M u s s a f i a
Über die Quelle des altfranzösischen „Dolopatlios“.
Von Adolf Mussufia,
a. ö. Professor der romanischen Philologie an der Wiener Universität.
Wenn man die einzelnen occidentalisclien Versionen der „Sieben
weisen Meister“ mit einander vergleicht 1 ), so wird man bald gewahr,
dass dieselben nur eine innig zusammenhängende Gruppe bilden, an
deren Spitze die lateinische „Historia septem sapientum“ steht.
Die Rahmenerzählung weist zwar hie und da einige nicht unbedeutende
Abweichungen auf, Zahl und Anordnung der einzelnen Erzählungen
sind nicht überall vollkommen gleich; trotzdem steht, wie
gesagt, die Zusammenhörigkeit aller dieser Versionen ausser allem
Zweifel. Neben dieser Gruppe kennt man aber eine andere altfranzösische
Darstellung der weitverbreiteten Mähre, den „vornan de
Dolopatlios“, welchen Herbert, ein Trouvere des XIII. Jahrhunderts,
aus dem Lateinischen übersetzt zu haben angibt. Mit den
anderen Versionen hat diese nur das nackte Gerippe gemein: Einleitung,
Namen der handelnden Personen, Zahl und Inhalt der Erzählungen,
Schluss, Alles ist durchaus verschieden. In der Historia
steht je einer von den einzelnen Meistern erzählten Geschichte eine
der Frau entgegen, im „Dolopatlios“ fehlen die der Frau gänzlich;
dort wird desVirgilius nur gelegentlich gedacht, hier ist er die Hauptperson;
im „Dolopatlios“ endlich wird mit grosser Ausführlichkeit die
Bekehrung des Helden der Geschichte zum Christenthume erzählt, wovon
die Historia nichts weiss 2). Trotz dieser strengen Scheidung der
*) Siehe die von mir mitgetheilte Tabelle in Ebert’s Jahrbuche IV, 166.
3 ) Nach der Bestrafung 1 nämlich seiner verläumderischen Frau, lebt Dolopathos nur
noch kurze Zeit, und Lucimien sein Sohn, folgt ihm auf dem Throne Siciliens. Da
kommt eines Tages in seine Residenzstadt ein christlicher Prediger: alt, unansehnlich,
ärmlich gekleidet. Dieser fordert Lucimien auf, ihm zuzuhören; sie ziehen sich
in ein geheimes Gemach zurück, und der Fremde setzt dem Könige die christliche