Full text: Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 110. Band, (Jahrgang 1885)

Kant und Comte in ihrem Verhältnis zur Metaphysik. 
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mung entweder zugänglichem oder nicht zugänglichem, ins 
besondere eigen ist. 
Sämmtliche vorgenannte Real- wie Formalwissenschaften, 
insofern sie für ihn überhaupt Wissenschaften sind, betrachtet 
und behandelt der Rationalismus als reine Vernunftwissen 
schaften. Dagegen behält der Empirismus, für den die Er 
fahrung die einzige Erkenntnissquelle und daher sowohl das 
Wirkliche das einzig erfahrbare, wie das Erfahrbare einzig 
wirklich ist, von den Formalwissenschaften keine, von den Real 
wissenschaften aber nur die vom sinnlich wahrnehmbaren Wirk 
lichen, als wirkliche Wissenschaften bei. Als reine Vernunft 
wissenschaft vom Wirklichen fällt daher für den ersten die 
Realwissenschaft in ihrer Gresammtheit, sowohl deren allgemeiner 
als deren besonderer Tlieil, mit der Metaphysik zusammen; fin 
den zweiten fällt ausser sämmtlichen Formalwissenschaften so 
wohl der allgemeine Theil, als jener besondere Theil der Real 
wissenschaft, der von einem andern als dem sinnlich wahr 
nehmbaren Wirklichen handelt, aus. So gut daher für den 
Rationalismus die Physik nur dann und insoweit Wissenschaft 
werden kann, als sie Metaphysik ist oder wird, so gut können 
für den Empirismus Logik, Aesthetik, Ethik, ja sogar Mathe 
matik, wenn sie Wissenschaften sein sollen, nichts anderes als 
Erfahrungswissenschaften von dem einzigen Erfahrbaren, d. i. 
vom sinnlich wahrnehmbaren Wirklichen sein. 
Dabei wird dem Rationalismus durch die wenigstens theil- 
weise Zufälligkeit des Wirklichen, dem Empirismus durch die 
schlechthin und ausnahmslos, also nicht wie die des Erfahrbaren 
blos comparativ oder inductiv, geltende Allgemeinheit des Mathe 
matischen einer-, den normativen Charakter sowohl des Logi 
schen wie des Aesthetischen und Ethischen andererseits eine 
nicht zu umgehende Schwierigkeit in den Weg gelegt. Während 
nämlich sich unschwer begreifen lässt, dass das nothwendig 
Wirkliche durch reine Vernunft, d. i. durch eine Erkenntniss- 
quclle, welche als solche den Charakter der Nothwendigkeit in 
sich schliesst, erkannt, d. i. mit Nothwendigkeit als wirklich be 
griffen werde, tritt bei dem zufällig Wirklichen der Widerspruch 
ein, dass dasselbe durch eine Erkenntnissquelle, deren Charakter 
Nothwendigkeit ist, begriffen und nichtsdestoweniger zufällig 
sein solle. Folge davon ist, dass die Wissenschaft vom noth-
	        
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