Ueber Hume’s oinpirische Begründung der Moral.
791
moralisch Ueble verwirft, aufrecht zu erhalten ist, so muss die
letztere angenommen werden, heisst es in der ,empirischen'
Ethik Hume’s. Beide Schlussweisen haben mit dem in der
Naturwissenschaft gebräuchlichen hypothetischen Verfahren das
gemein, dass aus der Existenz von A auf die Existenz von B
aus dem Grunde geschlossen wird, weil beide in einem solchen
Zusammenhänge stehend gedacht werden, dass, wenn B nicht
wäre, auch A nicht sein könnte. Zwischen beiden Schlussweisen
und der in den Naturwissenschaften üblichen findet aber
der Unterschied statt, dass die Existenz von A in den Naturwissenschaften
eine wirkliche Thatsache, ein unbestrittenes und
unbestreitbares Factum und daher die Existenz von B, ohne
welche jene nicht denkbar wäre, mindestens ebenso unvermeidlich
und unbestreitbar als jene ist, während in obigen Deductionen
Kant’s und Hume’s die Existenz von A, d. i. bei dem
ersteren die synthetisch-apriorische Natur der mathematischen
Urtheile, bei dem letzteren die Existenz tugendhafter Handlungen,
weder unbestreitbar noch unbestritten und, z. B. die
ersterc von Hume selbst, der die mathematischen Urtheile für
analytische hält, geleugnet, die letztere von den moralischen
Pessimisten Utilitariern und Egoisten wie Helvetius Schopenhauer
u. a. in Abrede gestellt ist.
Die Annahme der Existenz des von Hume mit dem Namen
,Geschmack' bezeichneten Vermögens kann aus diesem Grunde
(ebenso wie Kant’s Annahme der Existenz sogenannter reiner
Anschauungen) nur als eine durchaus willkürliche bezeichnet
werden. Dieselbe wird von Hume aus Liebe zur Tugend (wie
jene Kant’s aus Liebe zur Mathematik) gemacht, deren Möglichkeit
er (wie Kant jene der Mathematik als Wissenschaft)
um jeden Preis (auch um den einer Fiction!) sicher gestellt
wissen will. Wie Kant seinem, noch weit über Hume hinausgegangenen,
Skepticismus angesichts der Mathematik Einhalt
gebot, so steckte Hume dem seinigen angesichts der Tugend
Grenzen. Die Frage der Kritik der reinen Vernunft, ob und
wie synthetische Urtheile a priori möglich seien, wurde von
Kant im Interesse der Mathematik zuerst aufgeworfen und für
diese bejahend beantwortet; die Frage, ob dem Menschen ein,
in seinen Functionen untrügliches Vermögen innewohne, wurde
von Hume im Interesse der Tugend bejahend, für das Gebiet