TJeber Hume’s empirische Begründung der Moral.
789
Geschmack, der gleichfalls untrüglich Gutes vom Bösen (Schönes
vom Hässlichen) unterscheide. Die Moral wäre nur dann eine
Erfahrungswissenschaft, wenn der Geschmack, in derselben
Weise wie der (theoretische) Sinn, eine Thatsache wäre.
Hunte selbst hat als Skeptiker die Thatsache sowohl des
äusseren wie des inneren Sinnes, insofern derselbe (wie die
Empiriker meinen) untrüglich über Wirkliches oder Geträumtes
entscheiden soll, scharfsinnig bestritten; die Thatsache des Geschmackes
als eines über Gutes und Böses untrüglich entscheidenden
Beurtheilungsvermögens scheint ihm keines Beweises
bedürftig. Dass sich die erstere nicht dadurch erweisen lasse,
dass der Inhalt der sogenannten Wahrnehmung mit dem Objecte
derselben verglichen und mit demselben übereinstimmend gefunden
wird, hat er, dem die Beweise des Idealismus Berkeley’s,
für die Unmöglichkeit über die Welt des eigenen Vorstellens
hinaus zu gelangen, einleuchteten, richtig eingesehen und darauf
seinen Zweifel an der Berechtigung der sogenannten Erfahrungswissenschaft,
für wirkliche Wissenschaft zu gelten, gebaut. Die
letztere aber würde nur dann keines Beweises bedürftig sein,
wenn nicht nur die dem Geschmack zugeschriebenen lobenden
oder tadelnden Aussprüche selbst unmittelbar einleuchtend
wären, sondern auch evident wäre, dass dieselben diese ihre
Evidenz ausschliesslich dem Umstand zu verdanken hätten, dass
sie Aeusserungen des Geschmackes als eines unfehlbaren Beurtheilungsvermögens
seien. Solange die Möglichkeit vorhanden
ist, dass deren Evidenz aus einem anderen Grund, z. B. aus
der logischen Natur dieser Urtheile selbst, herrühre, ist auch
durch die Thatsache dieser angeblich vom Geschmack herrührenden
Urtheile die Existenz des Geschmackes selbst als eines
unfehlbaren Beurtheilungsvermögens nicht erwiesen.
Statt von der Thatsache evidenter Geschmacksurtheile auszugehen,
geht Hume von der Thatsache des Geschmackes als
solcher aus. Statt die Untrüglichkeit der erstehen aus ihrer
eigenen logischen Natur abzuleiten, leitet er sie aus dem
Umstand ab, dass sie Aussprüche des Geschmackes als des
untrüglichen Beurtheilungsvermögens seien. Statt aus der Existenz
untrüglicher Urtheile auf jene eines untrüglichen Beurtheilungsvermögens
zu schliessen, schliesst er umgekehrt aus