Ucber Hume’s empirische Begründung der Moral.
787
er über die Grenze dieses Sectors hinausgegangen, hätte er
die Aussprüche des Geschmackes auch hinsichtlich aller derjenigen
Geschmacksobjecte geprüft, welche in den nach Ausschluss
jenes Ausschnittes übrig gebliebenen Rest der Kreisfläche
fallen, so wäre er der Begründer einer allgemeinen
Aesthetik in demselben Sinne geworden, in welchem er infolge
jener Beschränkung Vorgänger Herbart’s in der Begründung der
Ethik als einer besonderen Aesthetik des Willens geworden
ist. Wie der von ihm als sittlicher Geschmack bezcichnete
engere Geschmack die Willenseigenschaften in löbliche und
schändliche, so hätte der erweiterte Geschmack alle übrigen
denkbaren Objecte in schöne und hässliche in gleicher Unmittelbarkeit
und mit gleicher Unfehlbarkeit unterschieden und
dadurch einer allgemeinen Wissenschaft von den Eigenschaften,
durch welche Objecten Schönheit oder Hässlichkeit zukommt,
ebenso sichere Principien geliefert, wie sie durch die Entdeckung
derjenigen Eigenschaften, welche dem Wollen, an dem sie sich
finden, Werth oder Unwerth verleihen, der Wissenschaft der
Moral sollten zugrunde gelegt werden.
Es ist klar, dass Hume nach obigem niemals zu den Utilitaristen
gerechnet werden darf. Seine Erklärung der Tugend, laut
welcher dieselbe um ihrer selbst willen ohne weiteren Lohn
und Sold nur wegen der unmittelbaren Befriedigung, die sie
gewährt, wünschenswert sei, verwehrt für immer, ihn denjenigen
beizuzählen, welche als oberste Richtschnur des menschlichen
Handelns den Nutzen betrachten. Der sittliche Geschmack entscheidet
in seinen Augen unbedingt über Gutes und Böses; die
Willenseigenschaft, die von diesem vorgezogen oder verworfen
wird, wird um ihrer selbst und nicht um eines anderen, sei es
um der Folgen derselben für den Handelnden, aber auch nicht
um jener für einen anderen oder das Ganze willen vorgezogen
oder verworfen. Daher gibt es von den Aussprüchen des sittlichen
Geschmacks weder eine Appellation noch die Möglichkeit
einer Begründung. Der sittliche Geschmack verhält sich in
Sachen der Beurtheilung wie der äussere Sinn in Sachen der
Erfahrung. Wie die sinnlichen Wahrnehmungen, so sind die
Aussprüche des Geschmacks unmittelbare Thatsachen, aus
welchen Folgerungen abgeleitet, die aber nicht selbst auf weitere
zurückgeführt werden können. Jene dienen den Erfahrung^-