Uebor Ilumo’s empirische Begründung der Moral.
717
Einerlciheit cler begehrenden Natur des Menschengeschlechtes
hervor. Es ist weder richtig, zu sagen, dass der Mensch als
solcher wissend, noch, dass er als solcher gut sei; richtiger
wäre zu sagen, dass, was alle Menschen, einer wie der andere,
übereinstimmend denken, Wissen, das, was alle, einer wie der
andere, übereinstimmend begehren, gut, dasjenige Gefühl, das
in allen, dem einen wie dem anderen, übereinstimmend herrscht,
das richtige Gefühl sei.
Dies ausgemacht, reducirt sich die Aufgabe der Wissenschaft
darauf, dasjenige, was den Inhalt der universellen, sowohl
der denkenden wie der fühlenden und der begehrenden Menschennatur
ausmacht, zu constatiren d. i. die Urtlieile, welche
von allen übereinstimmend gefällt, die Gefühle, welche von
allen übereinstimmend gehegt, und die Begehrungen, welche
von allen übereinstimmend getheilt werden, zu eruiren und
aufzuzählen. Wie die Summe der ersten die Grundlage alles
AVissens, so bildet die Summe aller allgemein menschlichen
Gefühle den Inbegriff der richtigen Gemiithsstimmung und die
Summe der letzteren den Inbegriff lobenswerthen oder zum
mindesten tadellosen Begehrens und Wollens. Da nun, was
von allem Wissen gilt, auch von demjenigen gelten muss,
welches ethischer Natur d. i. dessen Gegenstand das Gute
ist, so folgt, dass nur diejenigen ethischen Urtheile als verlässig
und somit als Grundlage ethischer Wissenschaft werden
angesehen werden dürfen, welche schlechterdings allgemein sind
d. i. solche, in welchen alle .Menschen übereinstimmen; dass
also gut im wissenschaftlichen Sinne nur dasjenige sei, welches
nicht von Einem oder Einigen, sei es auch noch so Vielen,
sondern schlechterdings von Allen übereinstimmend dafür erklärt
wird.
Während der ethische Skeptiker von demjenigen, was
ihm Thatsache scheint, nämlich dass nichts mit Uebereinstimmung
von allen für gut erklärt werde, ausgehend, schliesst,
es gebe nichts Gutes, also auch keine Wissenschaft von solchem,
geht der ethische Dogmatist umgekehrt von demjenigen aus,
was ihm Thatsache scheint, nämlich, dass es solches, welches
von allen übereinstimmend für gut erklärt werde, wirklich
gebe, und schliesst daraus, dass es ein Gutes und folglich
auch eine Wissenschaft von diesem geben müsse. Der Gegen-Sitznngsber.
d. pliil.-hist. CI. CV. Bd. III. Ilft. 4G .