Ueber Hume’s empirische Begründung der Moral.
707
moralischen vom allgemeinen Skepticismns sichtbar wird. Wie
die Behauptung, dass der Mensch (und zwar der individuelle)
das Mass aller Dinge sei, eine allgemeine d. i. allen gemeine
Denkweise überhaupt, so macht sie auch eine solche über das,
was lobens- oder tadelnswerth sei, wie durch das erstere ein
Wahres, so macht sie durch das letztere ein Gutes unmöglich.
Während hier der engere Skepticismus (der moralische) aus
dem weiteren (dem allgemeinen), so entspringt bei den Gegnern
der Sophisten, Sokrates und seiner Schule, umgekehrt der
weitere Dogmaticismus (der allgemeine) aus dem engeren (dem
ethischen). Wie die Sophisten vor allem von dem Unglauben,
dass etwas, so ist Sokrates vor allem von dem Glauben
durchdrungen, dass das Gute erkennbar sei. Wie dort der
allgemeine (philosophische) Zweifel den besonderen (ethischen),
so zieht hier der besondere (ethische) Glaube den allgemeinen
(philosophischen) nach sich. Wenn überhaupt jede Wissenschaft,
so ist auch eine Ethik unmöglich; aber wenn erst
eine Ethik als Wissenschaft möglich ist, warum sollten nicht
auch andere Wissenschaften (Metaphysik, Logik), warum nicht
Wissenschaft überhaupt möglich sein? Wie es auch um die
Berechtigung des zuletzt angeführten Schlusses stehen möge,
für die Geschichte der Ethik steht die Tliatsache fest, dass
auf die Leugnung die Behauptung derselben als Wissenschaft
gefolgt ist. Dieselbe leidet dadurch keine Beeinträchtigung,
dass die Aufgabe dieser Wissenschaft, die Inhaltsangabe des
Guten, innerhalb dieser Periode der Herrschaft des ethischen
Dogmaticismus in sehr verschiedener Form gelöst, das Was
des Guten in unter einander sehr abweichender Weise bestimmt
worden ist. Ob dasselbe von Sokrates mit dem Nützlichen
oder von den Hedonikern mit dem Lustbringenden für
Eins erklärt, ob es von Platon als Harmonie der Gegensätze
oder von Aristoteles als das glückselig Machende bestimmt,
ob es von den Stoikern in die Uebereinstimmung mit der
Natur oder von den Epikureern in die Schmerzlosigkeit oder
von den Pyrrhonikern in die Affectlosigkeit oder schliesslich
von den Neu-Platonikern in die Gottähnlichkeit gesetzt werde,
darin, dass es erkennbar sei, stimmen alle genannten wie andere
hier nicht genannte ethische Schulen umsomehr überein,
als jede derselben für sich das Verdienst in Anspruch nimmt,