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Full text : Sitzungsberichte der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Sitzungsberichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 10. Band, (Jahrgang 1853)

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Bibra.  Über  Chile.

Stets  lieber  lobend  als  Tadel  aussprechend,  kann  ich  hier  dem
Charakter  der  Chilenen  nur  ein  gutes  Zeugniss  geben,  und  ich  bewahre ­
  eine  freundliche  Erinnerung  an  jenes  heitere  und  kindliche
Volk.  Ich  habe  Züge  angegeben,  welche  die  Bescheidenheit  beurkunden ­
  auch  bei  der  untersten  Classe  des  Volkes  und  ebenso  habe
ich  einen  tiefen  poetischen  Sinn  gefunden,  der  sich  schon  allein  $
durch  den  Eindruck  äussert,  welchen  Naturschönheiten  auf  den  Chilenen ­
  hervorbringt.  Eine  heftige  Leidenschaftlichkeit  und  grosse
Vorliebe  für  das  Dolce  far  niente  mag  freilich  nicht  geläugnet  werden,
hingegen  fehlt  der  Goldhunger  der  Nord-Americaner  und  manche
Untugend  des  alten  Continents.
Mit  wenigen  Worten  will  ich  noch  der  Araukaner  gedenken.  Ich
habe  einige  Notizen  über  dieses  merkwürdige  Volk  in  der  grösseren
Abhandlung  bekannt  gemacht,  welches  in  ethnographischer  Hinsicht
gewiss  mehr  Aufmerksamkeit  verdient,  als  ihm  bisher  geschenkt
wurde.  Dieser  Ausspruch  mag  gerechtfertigt  werden,  wenn  ich
erwähne,  dass  die  Araukaner  seit  der  Besitznahme  der  Westküste
America's  durch  die  Spanier,  mitten  unter  den  fremden  Eindringlingen ­
  wohnend,  doch  ihr  Land  gegen  dieselben  vertheidigt,  ihre  B ,
Grenze  unberührt  erhalten  haben  bis  heute,  dass  weder  Gewalt  noch
Verführung  sie  zur  Annahme,  europäischer  Sitte  und  mithin  zum
Untergange  ihrer  Individualität  bringen  konnte,  dass  dieses  Volk,
welches  stets  ritterlichen  Muth  entwickelte,  keine  Geschichte,  kaum
eine  Tradition  hat,  und  dass  endlich  die  Araukaner,  glaubend  an  einen
Gott,  glaubend  an  eine  Unsterblichkeit  der  Seele,  keine  Tempel  oder
heiligen  Haine,  kein  Götterbild  und  keine  Priester,  kurz  keinen  Cultus
haben.
            
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