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Bibra. Über Chile.
Stets lieber lobend als Tadel aussprechend, kann ich hier dem
Charakter der Chilenen nur ein gutes Zeugniss geben, und ich bewahre
eine freundliche Erinnerung an jenes heitere und kindliche
Volk. Ich habe Züge angegeben, welche die Bescheidenheit beurkunden
auch bei der untersten Classe des Volkes und ebenso habe
ich einen tiefen poetischen Sinn gefunden, der sich schon allein $
durch den Eindruck äussert, welchen Naturschönheiten auf den Chilenen
hervorbringt. Eine heftige Leidenschaftlichkeit und grosse
Vorliebe für das Dolce far niente mag freilich nicht geläugnet werden,
hingegen fehlt der Goldhunger der Nord-Americaner und manche
Untugend des alten Continents.
Mit wenigen Worten will ich noch der Araukaner gedenken. Ich
habe einige Notizen über dieses merkwürdige Volk in der grösseren
Abhandlung bekannt gemacht, welches in ethnographischer Hinsicht
gewiss mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm bisher geschenkt
wurde. Dieser Ausspruch mag gerechtfertigt werden, wenn ich
erwähne, dass die Araukaner seit der Besitznahme der Westküste
America's durch die Spanier, mitten unter den fremden Eindringlingen
wohnend, doch ihr Land gegen dieselben vertheidigt, ihre B ,
Grenze unberührt erhalten haben bis heute, dass weder Gewalt noch
Verführung sie zur Annahme, europäischer Sitte und mithin zum
Untergange ihrer Individualität bringen konnte, dass dieses Volk,
welches stets ritterlichen Muth entwickelte, keine Geschichte, kaum
eine Tradition hat, und dass endlich die Araukaner, glaubend an einen
Gott, glaubend an eine Unsterblichkeit der Seele, keine Tempel oder
heiligen Haine, kein Götterbild und keine Priester, kurz keinen Cultus
haben.