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Full text : Almanach Jahrgang 100.1950

452 Österr. Kulturwoche 1950: Festsitzung der Akad.

samten Aufwandes an Geistesarbeit, den wir heute treiben,
 dazu verwenden, um den aus Unvernunft, Unwissen
und Mangel an gegenseitigem Verständnis erwachsenden
Kummer zu beseitigen, dann könnten wir die Summe des
menschlichen Leidens auf einen kleinen Bruchteil des
heutigen Standes herabdrücken.
Um das zu erreichen, müssen die Träger der Kultur
endlich den schon lange fällig gewordenen Schritt vom
Wissen zur Weisheit tun. Der weise Mensch, ein wirklicher
 Homo sapiens — oder wie der  Philosoph
  in seinem ausgezeichneten Buche 
  es ausdrückt: der geistig reif gewordene
 Mensch — ist dabei nicht etwa ein Vielwisser oder
ein durch hohes Alter abgeklärter, entsagungsbereiter,
aller Triebregungen lediger Mensch, sondern der ganz
normale gesunde Mensch, dem nur im Gegensatz zum
heutigen Barbaren der Wille und das Wissen anerzogen
wurde, mit dem er das nötige Verständnis für sich und
seine Beziehungen zur Mitwelt und für die wahre Rangfolge
 menschlicher Werte und Lebensnotwendigkeiten gewinnen
 kann. Der weise und reif gewordene Mensch
braucht gar kein Ausbund an Tugend oder Enthaltsamheit
 zu sein, aber er soll durch Kenntnis der wichtigsten
und primitivsten psychologischen Tatsachen so weit gebildet
 sein, daß er ohne eine Spur von Furcht oder Haßgefühlen
 durchs Leben gehen und dabei die bloß aus Unwissen
 und Verständnislosigkeit verursachten überflüssigen
Konflikte vermeiden kann. Der meiner Überzeugung nach
wichtigste Aspekt modernen wissenschaftlichen Denkens
besteht darin, daß eine solche Erziehung zur Höherentwicklung
 der Menschen, ohne Wunder zu verlangen,
durchaus im Bereiche des Möglichen liegt und daß sie
            
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