446 Österr. Kulturwoche 1950: Festsitzung der Akad,
Die Schattenseiten des technischen Zeitalters.,
Mit dem Hervorheben der Leistungen der Naturwissenschaft
soll allerdings nicht gesagt sein, daß ihre Wirkung
in jeder Beziehung zum Segen der Menschheit gereicht,
denn neben einer Reihe von Lichtseiten weist das
Leben unseres technischen und technisierten Zeitalters
auch schwere Schattenseiten auf. Gewiß hat sich der
allgemeine Lebensstandard gehoben, unsere Wohnungen
sind lichter und luftiger geworden, die Säuglingssterblichkeit
ist zurückgegangen, das Niveau der allgemeinen
Volksbildung — nicht der obersten Schichten, sondern des
Durchschnitts — ist gestiegen, der Aberglaube ist zwar
nicht ganz ausgerottet, aber zurückgedrängt oder auf
sublimere Formen verdrängt worden, das Blickfeld des
Durchschnittsmenschen ist erweitert worden, die Frauen
von heute genießen mehr Rechte und Freiheiten als ihre
Ururgroßmütter — aber bei all dem Fortschritt bleibt
es immer noch zweifelhaft, ob alles in allem genommen
unser Leben schöner ist als das unserer Vorfahren aus
dem 18. und 19. Jahrhundert, ob die Menschen im Zeitalter
der Flugzeuge froher, besser und geistig reifer sind,
als sie es im Zeitalter der Postkutsche waren.
Gewiß ist unser Kontakt mit der Umwelt besser,
unser Horizont weiter geworden, seitdem wir jederzeit
im Radio hören können, was wenige Stunden vorher an
wichtigen Ereignissen in irgendeinem beliebigen Teil der
Welt los war. Aber diese Verbreiterung der Front der
auf uns einstürmenden Erlebnisse geht auf Kosten der
Tiefe des Erlebens selbst; zuviel Kontakt mit der Umgebung
geht auf Kosten der Selbstbesinnung, das Zuviel
an Nachrichten, das Zuviel an telephonischem und per-