426 Österr. Kulturwoche 1950: Festsitzung der Akad.
Kultur als Ganzes, so können wir nunmehr auch die
erste der oben gestellten Fragen beantworten, ist die Gesamtheit
aller Objektivationen von Geistigem, geordnet
nach bestimmten Schaffensgebieten durch die Bewältigung
der dinglichen Umwelt, die Regelung menschlicher Gemeinschaft,
die Gestaltung und Deutung des nur im Geiste
erfaßbaren. Die Denkmotive für die Ausgliederung jedes
dieser drei Bereiche des Kulturschaffens darzulegen, kann
im Rahmen dieses Vortrages nicht unternommen werden.
Aber jenes zentrale Gebiet der Symbolkultur, in dem die
Wissenschaft ihre Stelle hat, muß uns nunmehr gemäß
dem Thema des Vortrags näher beschäftigen. Damit
kommen wir zu der Frage: Was ist Wissenschaft, was
ihre Stellung innerhalb der Kultur?
Wissen kommt dem Menschen zunächst durch das
Hantieren mit den Dingen zu; hier lernt er ihre Eigenschaften
und die Möglichkeiten ihrer Bearbeitung und
Verwendung kennen. Dieses Wissen, das ihm so als
Niederschlag der Erfahrung zu eigen wurde, ist zunächst
ein technisches, aber daneben regt sich auch die Intention,
die Dinge und ihre Eigenschaften auch ohne Absicht auf
praktische Verwendung kennen zu lernen. Auf beiden
Wegen erwirbt der Mensch so ein mehr oder weniger
umfangreiches und sich auch schon in unterschiedliche
Teilgebiete gliederndes Erfahrungswissen, Es war eine
vor nicht langer Zeit noch weit verbreitete Ansicht, daß
der primitive Mensch alle Dinge seiner Umwelt anthropomorphisierend,
vermenschlichend, auffaßte und daher als
kraftbegabt dachte, wie er sich selbst in seinem Handeln
erlebte. Man schrieb daher den primitiven Menschen ein
durchwegs magisches Denken zu, das erst später durch
ein kausalrationales Denken abgelöst wurde. Diese An-