399
Die Jahressitzung 1950.
Dankansprache des Herrn Bundespräsidenten Karl Renner Karl Renner
bei der Überreichung des Glückwunschschreibens
der Akademie am 11. Dezember 1950.
Herr Präsident!
Sehr geehrte Herren!
Die Glückwünsche der Akademie der Wissenschaften, jener illustren
Gesellschaft von Gelehrten, der als Ehrenmitglied anzugehören
mich mit Stolz erfüllt, bereiten mir eine ganz besondere Freude, Zeigen
sie mir doch, daß Sie mich als einen der Ihren betrachten und daß
meine Lebensarbeit die wohltuende Anerkennung jener gefunden hat,
die sie nicht von der Warte der Tagespolitik, sondern von der weit
höheren der objektiven wissenschaftlichen Einsicht zu beurteilen berufen
sind,
Ich möchte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, auch heute
auf jene Fragen zurückzukommen, die in diesen schweren Zeiten die
Akademie, das höchste Forum der Österreichischen Wissenschaft, bewegen
und bewegen müssen, In Ihrer diesjährigen Mai-Versammlung habe
ich zur augenblicklichen Lage der Wissenschaft und Kunst in unserem
Lande Stellung genommen, ich bin mit Entschiedenheit für den Notring
der Wissenschaft eingetreten und habe die Mahnung an unser
Volk gerichtet, daß es eines der wertvollsten Erbstücke seiner Kultur
unter keinen Umständen preisgeben möge.
Ich bekenne, daß ich von der Wirkung dieses meines Aufrufes bis
zur Stunde wenig befriedigt bin, Ich habe erfahren, daß die Forderung,
auf die sich der Notring der Hauptsache nach beschränken mußte,
darin besteht, um eine Beteilung der Wissenschaft aus dem Kulturgroschen
und dem Totogewinn Nnachzusuchen, Wahrlich ein beschämender
Ausweg angesichts der hohen Bedeutung der Wissenschaften,
denen man damit geradezu einen Bettelgang zumutet.
Ich selbst bin ein aufrichtiger Sportfreund, sogar Mitbegründer
eines Zweiges des Arbeitersportes, und ich freue mich, daß auch in
unserem Lande für den Körpersport ein so Ilebhaftes Interesse, ja
Solche Begeisterung aufgebracht wird, Andererseits aber berührt es
mich schmerzlich, daß die geistige Seite des menschlichen Wesens,
die Wissenschaft, auch nicht annähernd gleiche Hingabe erweckt, ja
daß auf diesem Gebiete stumpfe Teilnahmslosigkeit vorherrscht —
nicht nur bei den Massen, sondern auch bei oberen Schichten der Gesellschaft,
Diese verhängnisvolle Gleichgültigkeit zu beheben, den Bedürfnissen
der Wissenschaft die wünschenswerte Resonanz zu geben, ist
zweierlei notwendig.
Erstens der immer wiederholte Appell an das gesamte Volk, die
Sache der Wissenschaft zu seiner eigenen zu machen, in der Erkenntnis,
daß ja sie es ist, die allem Fortschritt auf geistigem, wirtschaftlichem
und technischem Gebiet die Wege zu bereiten hat.